Die Anatomie. Täter und Mitäufer*innen.
Die Anatomen, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Heidelberg wirkten, können sicherlich mehrheitlich als politisch bezeichnet werden.
Direkt nach dem Krieg kümmerte sich der damalige Institutsleiter Hermann Hoepke (1889-1993) als erstes um die Bestattung einiger Menschen, die während der Kriegszeit in die Anatomie gebracht worden waren. Wie in vielen anderen Institutionen dieser Zeit gab es keine systematische Aufarbeitung, intensive Dokumentation oder gar eine ethische Einordnung.
Sie profitierten in der Lehre und im geringeren Ausmaß auch in der Forschung von den zahlreichen Einlieferungen der verstorbenen Menschen.
Hervorzuheben ist die Tatsache, dass in der Zeit des Nationalsozialismus insgesamt sehr wenig Schriften über Forschungsarbeiten des Instituts veröffentlicht wurden. Gleichwohl gab es solche, hier wurde auch nicht versucht zu vertuschen, dass es sich bei dem „Material“ um Gewebe von hingerichteten Menschen handelte. Ganz im Gegenteil, es wurde offen davon berichtet. Die Möglichkeit, derart frische Organe zu erhalten, betrachtete man augenscheinlich als Qualitätsmerkmal der Arbeitsschritte und -ergebnisse. Dies hatte Tradition in den Anatomien; bereits seit 1901 waren die Heidelberger Anatomen mit ihren Angestellten bei Hinrichtungen zugegen, um vor Ort Gewebe entnehmen zu können. Die meisten Heidelberger Veröffentlichungen während der NS-Zeit basierten jedoch auf der Untersuchung tierischen Gewebes.
Wofür wurden also die vielen Körper von Verstorbenen benötigt, wenn nicht für die Forschung?
Die Lehrstuhlinhaber
Der erste Lehrstuhlinhaber der Anatomie während der frühen NS-Zeit war Erich Kallius (1867-1935). Nachdem Kallius plötzlich verstarb, ernannte man seinen Mitarbeiter August Hirt (1898-1945), der seit 1933 der SS angehörte, für eine kurze Zeit zum Interimschef der Heidelberger Anatomie. Im Jahr 1936 wechselte er zur Anatomie Greifswald, später ging er nach Frankfurt und wurde 1941 Direktor des Anatomischen Instituts der Reichsuniversität Straßburg. Hier nahm er Menschenversuche unter anderem mit Kampfstoffen an Häftlingen aus dem KZ Natzweiler-Struthof vor.
Hirt wurde zum 1. November 1935 abgelöst durch Kurt Goerttler (1898-1983), Oberstleutnant der Reserve, NSDAP-Mitglied und Kreiswart des Reichsbundes der Kinderreichen. Goerttler arbeitete eng mit dem Physiologen Johann Daniel Achelis (1898-1963) zusammen, der sich als Ministerialrat im preußischen Kultusministerium 1933/34 an der Verdrängung der jüdischen Gelehrten aus den deutschen Universitäten beteiligte. Mit einer Unterbrechung, in der er als Stabsarzt in Frankreich tätig wurde, blieb er bis zu seiner Entlassung in Heidelberg tätig. Danach wechselte er den Wirkungsort und ging nach Freiburg. Nach dem Krieg als „Mitläufer“ kategorisiert, musste er 2000 RM in einen Wiedergutmachungsfond zahlen.
Nach dem Krieg, im Jahr 1946, wurde Hermann Hoepke Leiter des Hauses. In seiner Funktion als Anatomie-Assistent hatte er 1927 in einem Lehrbuch die Ergebnisse seiner Forschung an Hautpräparaten von Hingerichteten publiziert. Im Jahr 1939 war Hoepke beurlaubt (seine Frau galt als „Mischling ersten Grades“) worden, Goerttler hatte vergeblich versucht, die Beurlaubung aufheben zu lassen. Während des Krieges arbeitete Hoepke in einer Praxis in der Innenstadt. Auch noch nach dem Krieg im Jahr 1949 findet sich sein Name auf einer Veröffentlichung über Gewebe von Hingerichteten. Robert Herrlinger (1914-1968), ein ehemaliger Doktorand Hoepkes berichtete hier über die Arbeit an Gefäßen der menschlichen Milz. Hoepke war zu dieser Zeit schon Institutsdirektor und unterzeichnete als solcher mitverantwortlich für den Beitrag in der Zeitschrift für Anatomie und Entwicklungsgeschichte. Herrlinger berichtete in dem Text über insgesamt acht Leichen, denen er drei Minuten nach dem Tod postmortal zur besseren Sichtbarkeit die Gefäße mit Tusche injizierte. Unklar ist, ob Herrlinger sich auf Verstorbene der Universität Heidelberg oder solche aus der Reichsuniversität Posen bezog. Hier war Herrlinger unter dem Anatomen Hermann Voss (1894-1987) angestellt und direkter Nutznießer der Hinrichtung polnischer Häftlinge.
Die Assistenten
Sonstige Mitarbeiter*innen
Im Institut arbeiteten Diener, zeitweilig auch Präparatoren oder Hausmeister genannt, und technische Assistent*innen. Diese Personen sind eher nicht als Tätergruppe zu kategorisieren; sie traten zumindest nicht als solche dokumentiert in Erscheinung. Nach ihrer Funktion zu urteilen hatten sie sicher keine Handlungsfreiheit im anatomischen Betrieb. Außerdem gab es mehrere Illustrator*innen, die für die Anatomen arbeiteten.
Diener waren angelernte Mitarbeiter, die im Leichenwesen mithalfen und dort zuständig für zum Beispiel die Bestückung der Präparationstische, die Sauberkeit im Saal, aber auch für die Abholung der Leichen waren. Während der NS-Zeit waren dies Heinrich Ewers (Lebensdaten unbekannt), Georg Bayer (Lebensdaten unbekannt) und Ernst Botz (Lebensdaten unbekannt). Alexius Knebel (1905-1987) wurde im Mai 1937 zuerst als Amtsgehilfe, später dann als Präparator eingestellt. Knebel wurde später als NSDAP-Mitglied ohne Funktion als entlastet entnazifiziert.
Die technischen Assistent*innen waren mit den heutigen MTA’s zu vergleichen. Hier muss Charlotte Ziesmer (1893-1974) als leitende MTA genannt werden. Sie lernte in Berlin an der Lette Schule und konnte nicht nur Filme und Fotos herstellen und vervielfältigen, sondern sie bildete sich auch zur technischen Assistentin fort und unterrichtete darauffolgend auch angehende MTA’s.
Vertreter beider Berufsgruppen mussten die Anatomen zu den Hinrichtungen begleiten, um zu helfen, so rasch als möglich das Gewebe gewinnen zu können. Die Diener waren hier mindestens für den Transport zuständig.
Dass die Zusammenarbeit nicht immer reibungslos vonstatten ging, dokumentiert ein Zwischenfall, der lebhaft in den hiesigen Zeitschriften und sogar im Ministerium der Justiz, des Kultus und Unterrichts diskutiert wurde. Für den Transport der Leiche des August Herberger (1867-1902) vergaßen die Diener das Schloss für die Transportkiste, und der Leichnam wurde in der Güterhalle Karlsruhe, wo der Sarg auf seinen Abtransport wartete, bereits eröffnet der Öffentlichkeit preisgegeben.
Direkt in Kontakt mit Hingerichteten kamen sehr wahrscheinlich auch Vertreter weiterer Berufsgruppen. Hier sind die Zeichner*innen zu nennen. Der wissenschaftliche Zeichner August Vierling (1972-1937) illustrierte viele der Veröffentlichungen der Heidelberger Anatomen. Direkten Kontakt mit den Leichen hatte auch die Grafikerin Hanna Nagel-Fischer (1907-1975). Sie wurde für kurze Zeit angestellt, um für Kurt Goerttler Zeichnungen auszuführen. Doch durch ihre Abscheu an der Arbeit mit Leichen blieb sie nicht lange im Haus. Elisa Schorn (1905-1997) zeichnete die meisten der noch vorhandenen Tafeln. Aus Kaiserslautern kommend, war die „Gebrauchsgrafikerin“ bereits erfahren. Sie zeichnete einige Tafeln aus Lehrbüchern großformatig ab, um sie im Hörsaal verwenden zu können. Eine noch im Institut befindliche Tafel fällt durch ihr Motiv auf. Dargestellt wurde die Gefäßversorgung des Gesichts, der Kopf wirkt durch seine Illustration wie der Idealtypus der damals vorherrschenden Rassenideologie.
Quellen:
Doll, Sara: Wohl gerichtet. Vom Schafott zur Anatomie Heidelberg, Kirchschlager, 2025, S. 217-219, S.268-271
Herrlinger, Robert: Neue funktionell-histologische Untersuchungen an der menschlichen Milz, 1949, Zeitschrift für Anatomie und Entwicklungsgeschichte 11, S 340-365,
Hoepke, Hermann: Die Haut, in Möllendorff Werner von (Hg), Handbuch der mikroskopischen Anatomie, Bd 3, Heidelberg, 1927
Horstmann: 1944: Über die Mesenterialgefäße und ihren Einbau in die Darmwand, Gegenbaurs Morphologisches Jahrbuch 89, S 249-279.
Sommer, Felix: Anatomie in: Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus, Springer Heidelberg, 2006 S. 651-670 von Gehlen, Hans: 1938: Neuere Auffassungen über die Retraktionskraft der Lunge und ihre anatomischen Grundlagen, Verhandlungen der Anatomischen Gesellschaft, 46, S. 394-401