Über das Projekt

Hintergrundinformationen

Ziel des Projekts

Diese Internetseite basiert auf dem Leichenjournal der Anatomie Heidelberg. In diesem werden seit 1816 die Einlieferungen von Verstorbenen verzeichnet, die dem Institut zu Lehr- und Forschungszwecken dienen. Die Lebenswege der Menschen, die unfreiwillig während der NS-Zeit den Medizinern zur Verfügung gestellt wurden, können hier einerseits nach Einlieferungsdatum, andererseits auch alphabetisch recherchiert werden. Darüber hinaus finden sich Hintergrundinformationen über die Aufarbeitung dieses Teils der Institutsgeschichte oder den rechtlichen Hintergrund, der die Zuweisung Verstorbener an die Universitäten überhaupt erst ermöglichte. Das Institut für Anatomie und Zellbiologie, Heidelberg, stellt sich seiner historischen Verantwortung. Bisherige intramurale Aufarbeitungen thematisierten oft mehr die Täter oder Opfergruppen, statt sich einzelnen Menschen zu widmen.
Leichenjournal Vorderseite
Der Einband des Leicheneingangsbuches. Quelle: UAHD, KE205

Ein gelungenes Beispiel für eine Forschungsdatenbank, die sich den NS-Opfern widmet, ist das Gräberfeld X der Universität Tübingen. Im Jahr 2022 konnte die Projektleiterin Benigna Schönhagen aus dem dortigen Institut für Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften diese Website der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Die Anatomische Gesellschaft Deutschlands listet auf ihrer Internetseite „Anatomie in der NS-Zeit“ differenziert wichtige Publikationen zu diesem Thema auf. Diese sind dort unterteilt in übergeordnete Literatur und Auswertungen, solche zum Beispiel über Opfer und solche, die sich den Tätern widmen. Besonders viel publizierten Sabine Hildebrandt und Andreas Winkelmann, deren Beiträge in anatomischen Fachzeitschriften für Aufmerksamkeit sorgten. Unten auf der Seite finden sich Studien zu den einzelnen Anatomischen Instituten im deutschsprachigen Raum und in Straßburg.

Heidelberg war bis dahin nicht gelistet, weder bei aktuellen Schriften noch unter dem Punkt „Umgang mit dem Erbe der Anatomie“ oder bei den ersten Aufarbeitungsversuchen, die in den 1990er Jahren veröffentlicht wurden.

Vor etwa einem Jahr begannen die InitiatorInnen dieses Projekts, das in Heidelberg Versäumte nachzuholen. Dem Ziel, so viele Biografien wie möglich zu recherchieren und vorzustellen, kommt das Team um Sara Doll (Anatomie und Zellbiologie) und Frank Engehausen (Historisches Seminar) Schritt für Schritt näher. Die Aufarbeitung der Anatomiegeschichte der NS-Zeit ist bis heute relevant, denn auch wenn sich keine mikroskopischen oder mikroskopischen Präparate mehr nachweisen lassen im Institut- es gibt immer noch Anfragen zu dem Verbleib einzelner Personen oder Personengruppen.

Wir bedanken uns sehr herzlich bei allen Beteiligten dieser umfangreichen Recherchearbeit und vor allem bei Thomas Kuner, dem Geschäftsführenden Direktor des Anatomischen Instituts, für seine stetige Unterstützung.

Sara Doll und Frank Engehausen

Quelle: UAHD, KE205

Erinnerte Opfer aus dem Leicheneingangsbuch 1933-1944.

Rechtliche Überlegungen zu der Entwicklung einer Internetplattform.

Das Heidelberger Institut für Anatomie und Zellbiologie möchte, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, so umfassend wie möglich die NS-Vergangenheit der Anatomie in Heidelberg aufarbeiten. Dies betrifft in dem vorliegenden Internet-Projekt hauptsächlich die Erinnerung an die Opfer. Namen, persönliche Geschichten und Fotos werden dort zu einem ganz besonderen „Online-Gedenkort“ vereint. Hier wird an die Opfer erinnert, die spätestens zum Zeitpunkt ihrer Einlieferung in die Anatomie nur noch eine Nummer wurden. Sie werden re-personalisiert.
Auf dieser Internetplattform werden sämtliche Personen, die in der Zeit zwischen 1933 und 1944 zur Anatomie gebracht wurden (1945 gab es keine Einlieferungen), benannt. Sie können nun durch Forscher*innen und Angehörige offen recherchiert werden, denn noch immer gibt es regelmäßig Fragen zum Leicheneingangsbuch, zu eingelieferten Personen und zu Bestattungsorten.

Wie konform ist diese Vorgehensweise jedoch mit dem postmortalen Schutz der genannten Personen?

Die Daten sind keine privaten Informationen, viele können bereits über öffentlich zugängliche Webportale von Archiven (z. B. Arolsen Archives, Bundesarchiv, Generallandesarchiv Karlsruhe) eingesehen werden. Da das Todesdatum der Personen mehr als 80 Jahre zurückliegt, gibt es für die Akten auch keine Sperrfrist mehr. Einige politisch Verfolgte werden zudem in Veröffentlichungen genannt.
In Abwägung zwischen dem öffentlichen Interesse an einer offenen Aufarbeitung der Zeitgeschichte und einem möglichen privaten Interesse hat sich das Team für die Publikation des kompletten Leicheneingangsbuchs entschlossen. Es werden keine Opfer bloßgestellt, das Gegenteil ist der Fall: Die beschriebenen Biographien zeigen das menschenverachtende Verhalten der Täter auf. Die Universität Tübingen verfolgt dieses Ansinnen mit dem Gräberfeld X Projekt seit einigen Jahren und dient hier als Vorbild.

Grundsätzlich wird selbstverständlich der übliche Datenschutz bezüglich personenbezogener Daten, Cookies etc. berücksichtigt, ein hoher wissenschaftlicher und ethischer Standard eingehalten.

 

Sara Doll

Historische Einordnung und ethische Überlegungen

Lange Zeit war ein Mangel an Leichen für Forschung und Lehre in der Anatomie prägend – wie viele Körper von Verstorbenen der Anatomie zur Verfügung standen, hing von Zuweisungen aus Gefängnissen und Hinrichtungsstätten oder davon ab, ob in den Universitätskliniken verstorbene mittellose Menschen Körperspender*innen wider Willen wurden.

In der Zeit des Nationalsozialismus taten sich neue Möglichkeiten auf: Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs stieg die Zahl der Hinrichtungen unmerklich – dies änderte sich 1939 deutlich. Die bereits 1933 eingesetzten Sondergerichte fällten eine Vielzahl von Todesurteilen: Strafen für viele Delikte wurden verschärft und politische Gegner hingerichtet. Anatomien im Deutschen Reich erhielten unter diesen Umständen so viele Leichen wie noch nie. Ein Anatom konnten sogar je nach spezifischem Forschungsbedarf Körper bestellen.

Die Körper von Hingerichteten dienten der Lehre im Präparationssaal, Gewebe und Körperpartien wurden präpariert und konserviert und gingen in die Lehr- und Forschungssammlung ein – so auch in Heidelberg. Lange blieben für den größten Teil der in der Zeit des Nationalsozialismus für die Anatomische Sammlung gewonnenen Präparate Namen und Biografien derer unbekannt, deren Körper sich der NS-Staat und die Anatomie sich gewaltsam angeeignet hatten. Die Namenlosigkeit der „Körperspender*innen wider Willen“ führte dazu, dass auch das Unrecht, das diesen geschah, unsichtbar blieb.

Derzeit wird die Re-Personalisierung von namenlosen Präparaten aus Unrechtskontexten und die Veröffentlichung von Biografien kontrovers diskutiert: Während die einen durch Namen und Biografien das Unrecht sichtbar machen wollen und so den Opfern ihre Würde zurückgeben wollen, argumentieren die anderen mit Daten- und Persönlichkeitsschutz gegen eine Veröffentlichung von Klarnamen und detaillierten Biografien. Für die Sammlungsarbeit ist die intensive Provenienzforschung und Rekonstruktion von Biografien der „Körperspender*innen wider Willen“ nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht von Interesse, sondern auch eine ethische Notwendigkeit. Nicht nur für die Präsentation von Präparaten in Vitrinen, die auch einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, sondern auch für die Lehre in der Anatomie oder in der Medizingeschichte sind die Lebensgeschichten der Menschen, deren Körper ohne ihren ausdrücklichen Willen Teil der Anatomischen Sammlung wurden, und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Lehre und Forschung in der Anatomie von großer Bedeutung. Folgt man den verschiedenen Richtlinien zum Umgang mit Human Remains, so ist die Forschung zu deren Provenienz nicht nur eine wichtige Voraussetzung für das Zeigen der menschlichen Präparate, sondern auch für deren Verbleib in den Anatomischen Sammlungen.

Medizin- und Geschichtsstudierende können durch die Re-Personalisierung von menschlichen Präparaten in Anatomischen Sammlungen, die z. T. nicht mehr physisch existent sind, lernen, inwieweit Forschung und Ausbildung an Leichen in ein System von Unrecht eingebettet waren. Das Unrecht an gesellschaftlich und sozial Marginalisierten spitzte sich unter den politischen Bedingungen der NS-Zeit zu, war jedoch strukturell Teil einer langen Geschichte der gewaltsamen Aneignung von Körpern verstorbener strafrechtlich verurteilter und armer Menschen. Studierende können in Lehrveranstaltungen die Wege der Menschen in die Anatomie durch eine Vielfalt von historischen Quellen nachvollziehen und sich zugleich mit ethischen Fragen von anatomischer Forschung auseinandersetzen und so forschungsethische Fragen reflektieren.

 

Karen Nolte

Quellen:

Nachama, Andreas; Neumärker, Uwe (Hrg.). Gedenken und Datenschutz: Die öffentliche Nennung der Namen von NS-Opfern in Ausstellungen, Gedenkbüchern und Datenbanken. Topographie des Terrors. Band 12. Berlin, 2017.

Vettermann, Oliver; Petri, Grischka. Handreichung zur Risikobewertung bei der Open-Access-Veröffentlichung digitalisierter Zugangsbücher und Bestandsverzeichnisse. Heidelberg, 2025.

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