Aufarbeitungsphasen

Die Aufarbeitung der Vergangenheit verlief in der Heidelberger Anatomie phasenweise.​

Direkt nach dem Krieg kümmerte sich der damalige Institutsleiter Hermann Hoepke (1889-1993) als erstes um die Bestattung einiger Menschen, die während der Kriegszeit in die Anatomie gebracht worden waren. Wie in vielen anderen Institutionen dieser Zeit gab es keine systematische Aufarbeitung, intensive Dokumentation oder gar eine ethische Einordnung. 

Ende der 1980er Jahre erfolgte nach einer studentischen Initiative eine zweite Phase, in der man sich mit der Vergangenheit der Anatomien, auch deutschlandweit, beschäftigte. In Heidelberg wurde jedoch auch diese Vergangenheitsbewältigung nicht konsequent vorgenommen. Aus dieser Phase gibt es einige wenige Veröffentlichungen.


Durch die aktuelle Arbeit des Forschungsteams soll diese Lücke gefüllt und der Fokus auf die Opfer dieses Regimes gelegt werden.

Bestattungen der Verstorbenen aus der Anatomie.
Herausforderungen bei der Zuordnung der Grabstätten.

Briefwechsel machen deutlich, warum die meisten Verstorbenen aus der Anatomie schwerlich einem konkreten Ort der Bestattung zuzuordnen sind. Im Jahr 1944 beschwerte sich die Friedhofsverwaltung beim Amt für Friedhofs- und Bestattungswesen, dass „neuerdings Kisten von 200 kg u. mehr zur Einäscherung“ gebracht würden. Da die Technik des Krematoriums dadurch beschädigt werden konnte, einigte man sich darauf, weniger Leichen in einem Sarg zur Einäscherung zu bringen.
Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, ist kaum nachzuvollziehen, dass überhaupt mehrere Personen in einem Sarg beerdigt wurden.

Am 25. März 1947 notierte Hermann Hoepke über ein Gespräch mit dem Friedhofsinspektor: „Es wurde vereinbart, dass das Anatomische Institut dem Friedhof jedesmal 10 Leichen in einem Sarg zur Verbrennung übergibt.“ Dies geschah aus Kostengründen und Holznot. Ein weiterer Punkt, der eine tatsächliche Zuordnung der Anatomie-Verstorbenen im Wege stand, war die gemeinsame Bestattung der Anatomie Särge mit anderen Särgen. Ein Mitarbeiter des Bergfriedhofs führte aus, dass im Jahr 1947 neun Kisten gebracht wurden, in den ersten beiden befanden sich zusammengenommen 18 Personen.
Das Amt für Friedhofs- und Bestattungswesen schickte am 31. Mai 1948 mehreren deutschen Anatomien einen Fragenkatalog, der Klarheit über die zu treffenden Vereinbarungen in Heidelberg bringen sollte. Gab es ein eigenes Gräberfeld, bestattete man nur Urnen oder auch Erdbestattungen, wo erfolgten die Beisetzungen in der letzten Zeit, gab es Listen über die bestatteten Menschen und wurden diese in Gräberbücher eingetragen. In keinem der überlieferten Antwortschreiben wurde von personalisierten Bestattungen berichtet.

Die Heidelberger Friedhofsverwaltung antwortete, dass es noch nie ein Gräberfeld der Anatomie gab, die Kisten im allgemeinen Leichenfeld laufend beigesetzt und im Reihengräberbuch als „Kiste mit Leichenteilen aus der Anatomie“ bezeichnet wurden. Erst als nach dem Krieg das Ausländersuchverfahren eingeführt wurde, fügte man den Särgen eine Namensliste bei.
Am 2. Juli 1948 dokumentierte die Heidelberger Friedhofsverwaltung 18 abgelieferte Kisten, die letzten vom 26. Juni wurden durch eine Namensliste begleitet, auf der circa 140 Namen russischer und polnischer Soldaten standen. Man kremierte offensichtlich mindestens 7-8 Personen in einem Sarg gemeinsam. Die Friedhofsverwaltung bat die Anatomie um Vervollständigung dieser Liste und monierte keinen Eingang bis zu diesem Tag.

Zehn Tage später schickte die Stadtverwaltung Heidelberg der Anatomie die Abschrift einer Anfrage, sie wurde der städtischen Friedhofsverwaltung vom Landesausschusses Württemberg-Baden anlässlich des eingeleiteten Ausländersuchverfahrens übermittelt. Die Mediziner sollten sich dazu äußern, ob die Aschereste von Albert Fritz, Richard Jatzek, Georg Lechleiter, Ludwig Neischwander, Robert Scholl, Käthe und Alfred Seitz sowie Bruno Rüffer und Henriette Wagner „evtl. wann und mit welcher Bezeichnung“ auf den Bergfriedhof gelangten. Unter die Auflistung verzeichnete eine unbekannte Person mit Bleistift den Namen Jakob Faulhaber und die jeweiligen Jahreszahlen der Hinrichtungen. Einige zuletzt dem Krematorium zugeführten „Leichenreste von 5 Leichen u.a. “ wurden lediglich in großen Kisten abgeliefert, „Irgendwelche Einträge in den Totenbüchern sind vermutlich nicht erfolgt“.

Am 19. Juli 1948 wurde die Anatomie eingeladen. Die Stadtverwaltung schrieb: „Die Frage der Beisetzung der vom Anatomischen Institut dem Friedhof zugeführten Leichenreste, macht in einzelnen Punkten eine Aussprache mit Ihnen erforderlich.“
In der Besprechung eröffnete man dem Anatomen, dass die bisher gängige Praxis der Anatomie aus verwaltungsrechtlichen Gründen nicht tragbar sei aber, und das wog schwerer, auch pietätlos gegenüber den Angehörigen sei. Endlich sollten die Särge nummeriert werden und eine Namensliste anbei gefügt werden, um die Verstorbenen identifizieren zu können. Weiterhin vereinbarte man, dass es zukünftig für die Anatomie Verstorbenen ein besonders Leichenfeld geben sollte.

Schon bald danach erreichte Hoepke ein Brief des Acting Military Government Officer William S. Fitzer. Der Amerikaner erkundigte sich im Rahmen des Ausländersuchverfahrens nach dem Verbleib von weiteren am 22. September1944 hingerichteten Personen, die im September 1946 kremiert worden seien. Hoepke bestätigte dies und schrieb, dass die Asche beigesetzt oder von ihren Verwandten abgeholt worden waren. Außerdem habe er weitere Listen mit ausländischen Verstorbenen im Juni 1946 der Stadtverwaltung übermittelt, eine weitere Liste mit französischen und elsässischen Personen am 26. April 1947 dem französischen Capitain Schulz-Leclair überreicht.

Unklar bleibt trotz des Schriftverkehrs, wie Aschereste einzelnen Personen zugeordnet werden konnten – wenn viele Personen gemeinsam bestattet und in eine Urne verbracht wurden. Vielleicht gab es Ausnahmen?

Dass alle Verstorbenen aus der Zeit des Nationalsozialismus direkt nach dem Zweiten Weltkrieg bestattet wurden, muss sicher verneint werden. Im Jahr 1950 erkannten Mitarbeiter und Studierende einige Hingerichtete im Präparationssaal.

Max Kantner (1920-1973) wurde er im Jahr 1968 auf den neu eingerichteten Lehrstuhl Anatomie II als ordentlicher Professor berufen. Schon zwei Jahre zuvor hatte er sich mit dem Bestattungswesen der Abteilung zu beschäftigen begonnen und festgelegt, ab sofort nur noch beschriftete Einzelsärge in einem Reihengrab beerdigen zu lassen und die Namen in einem Totenbuch zu verzeichnen. Dies lief nun auch endlich konform mit den Forderungen, der Friedhofsverwaltung aus dem Jahr 1948. Dennoch monierte das Kultusministerium, dass der Anatomie nur ein Planquadrat mitgeteilt wurde, wenn Angehörige z.B. einen konkreten Bestattungsort erfragten. Dies unterstrich die Wichtigkeit eines eigenen Gräberfelds.
Kantner vereinbarte nun in Gesprächen mit der Stadt Heidelberg, dass endlich eine eigene Grabstätte für die Anatomie-Verstorbenen eingerichtet wurde.

Im März und April des Jahres 1969 berichtet ein Briefwechsel zwischen dem Anatomen und dem Friedhofsamt, dass die Bestattung früh am Morgen, zwischen 7:30 und 8:00 Uhr stattfinden sollte. Man fürchtete, den normalen Betrieb zu stören. Erstmals wurde auch die Idee eingeführt, Geistliche beiderlei Konfessionen mitwirken zu lassen, die am offenen Grab kürzere Gebete verrichten wollten. Außerdem meldeten sich zwei Angehörige an, die der kleinen Zeremonie beiwohnen wollten.
Ab diesem Zeitpunkt sollten alle Hinterbliebenen Einladungen erhalten, um im Rahmen einer der beiden Trauerfeiern (eine im Frühjahr, eine im Spätjahr) Abschied nehmen zu können von ihren verstorbenen Verwandten.

Wie gedachte man den Opfern aus der NS-Zeit?

Am 22. Juli 1950 wurden 27 Verfolgte auf dem Bergfriedhof, Gräberfeld P 14-19, beigesetzt, mehrere Gedenksteine erinnern heute an einige der hier mutmaßlich zur letzten Ruhe gebetteten. Man erreicht die Stätte über den Seiteneingang der Görresstraße.

Der erste Stein wurde ein Jahr nach der Bestattung angebracht. Es fehlen hier die Namen:

Im Jahr 1968 wurde die Information erweitert um die Namen der Wodli Widerstands-Gruppe:

Der Lechleiter Gruppe gedachte man ab dem Jahr 2001 mit einem Stein und einer begleitenden Stele:

Viele der verstorbenen Personen aus der Anatomie wurden auf dem Bergfriedhof auf dem Gräberfeld O (später P neu) begraben, sie sind in der Gräberliste des Stadtarchivs Heidelberg verzeichnet.

Im Frühjahr 1973 wurden insgesamt 177 ausländische Kriegstote umgebettet. Sie kamen zum Heidelberger Ehrenfriedhof.

 

Sara Doll

Die Heidelberger Anatomie und der Januar 1989: Chronik eines Skandals

Am 2. Januar 1989 berichteten die „Tagesthemen“ der ARD darüber, dass in Anatomischen Instituten deutscher Universitäten mehr als 40 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs weiterhin Präparate von Opfern des nationalsozialistischen Regimes im Unterricht eingesetzt würden; genannt wurden die Universitäten Tübingen und Heidelberg. Dieser Bericht löste national und international Entsetzen aus, der Skandal wurde umgehend zum Politikum.

In Heidelberg begannen im Rückblick hektisch wirkende Bemühungen, mit der Situation korrekt umzugehen und gleichzeitig die eigene Institution aus den Negativ-Schlagzeilen herauszubringen. Dies gelang nach einigen Wochen zunächst, eine wissenschaftliche Aufarbeitung erfolgte allerdings – im Gegensatz zu Tübingen – erst Jahre später. Der Skandal hatte bundesweit und auch in Heidelberg große Auswirkungen, sowohl kurzfristig, bezogen auf den konkreten Umgang mit möglicherweise aus der NS-Zeit stammenden Präparaten, als auch langfristig im Kontext der Aufarbeitung der Rolle der Anatomie im Nationalsozialismus. Hier seien die Ereignisse in Heidelberg auf der Basis der Forschungsliteratur und einiger Quellen chronologisch dargestellt.

Heidelberg und anderswo – wie kam es zum Skandal von 1989?

In Heidelberg war im Grunde bereits seit langem bekannt, dass während des Nationalsozialismus hingerichtete Widerstandskämpfer in die Anatomie eingeliefert worden waren. Nach dem Krieg hatte der als Ordinarius eingesetzte Anatom Hermann Hoepke, der während der NS-Zeit wegen seiner durch die Rassengesetze diskriminierten Ehefrau seiner Stelle in der Anatomie enthoben worden war, dafür gesorgt, dass die sterblichen Überreste der Widerstandskämpfer auf dem Bergfriedhof in einem Ehrengrab beigesetzt worden waren, wenn auch offenbar nicht vollständig und keineswegs heutigen Maßstäben entsprechend. Ein Interview von Mai 1989 mit der als Kommunistin verfolgten Sophie Berlinghof, in der Nachkriegszeit Stadträtin und langjährige Vorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, belegte, dass man nicht nur in der Anatomie, sondern auch in der Stadt über das Schicksal der hingerichteten Widerstandskämpfer im Prinzip Bescheid wusste, auch wenn es umstritten war, wie konkret Opfer und Täter benannt werden sollten. Inwieweit das vorhandene Wissen bis zu den späten 1980er Jahren in der anatomischen Lehre und Forschung in Heidelberg eine Rolle spielte, ist unbekannt. Vermutlich hielt man aufgrund der Bestattungen in der frühen Nachkriegszeit das Vergangene für abgeschlossen und wurde gerade deswegen von dem Skandal im Januar 1989 und seiner Dynamik überrascht. Und tatsächlich kann diese Dynamik bis heute erstaunen, denn die Aufarbeitung der Thematik „Medizin im Nationalsozialismus“ hatte bereits einige Jahre zuvor begonnen. Auch der Umgang mit Präparaten aus der NS-Zeit war Mitte der 1980er Jahre bereits in die Kritik geraten, allerdings bezogen auf ehemalige Kaiser-Wilhelm-Institute, die nun zur Max-Planck-Gesellschaft gehörten. Eine größere Öffentlichkeit nahm aber offenbar erst in dem Moment Notiz und Anstoß, dann allerdings heftig, als die Frage des fortdauernden Gebrauchs von NS-Opfern nicht mehr ausschließlich eine außeruniversitäre Forschungsinstitution betraf, sondern die Lehre an Universitäten und damit Studierende, zukünftige Ärztinnen und Ärzte, die ihrerseits kritische Fragen zu stellen begannen. Auch Journalisten griffen insbesondere das Thema der Verwendung von Präparaten als Lehrmittel auf.

Einer der Faktoren, die in den 1980er Jahren zu einer späten Aufarbeitung des größeren Themenkomplexes „Medizin im Nationalsozialismus“ geführt hatten, war die veränderte Diskussionskultur an den Universitäten als Folge der 1968er-Bewegung gewesen, hatte also direkt mit Studierenden zu tun. Weiterhin spielte die alternative Gesundheitsbewegung eine Rolle, insbesondere der Berliner Gesundheitstag 1980, in dem sich Vertreter aller Gesundheitsberufe in einer von etwa 10.000 Menschen besuchten Veranstaltung in Berlin mit der NS-Vergangenheit zu beschäftigen begannen. Auch dies wurde zu einem Teil von kritischen Studierenden getragen, beispielsweise waren die Redaktionen der Zeitschrift Dr. med. Mabuse beteiligt, ursprünglich eine Fachschaftszeitung kritischer Medizinstudierender.

Medizin, aber auch (Medizin-) Geschichte benötigten neben dem Interesse und Engagement Studierender offenbar Impulse von außen, um sich schließlich selbst der Thematik anzunehmen. Als einer der Auslöser für die Aufarbeitung der 1980er Jahre kann die Ausstrahlung der Holocaust-TV-Serie gelten, die auch in der BRD ein großes Publikum emotional ansprach und in der auch die „Euthanasie“-Verbrechen thematisiert wurden. Auch das 1983 erschienene Buch „‘Euthanasie‘ im NS-Staat“ des Journalisten Ernst Klee wurde zu einem Meilenstein der Aufarbeitung und zu einem weiteren Anstoß für neue Forschungen. Der Publizist Götz Aly, der laut Paul Weindling 1983 begann, sich mit der Geschichte der Hirnforschung in ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituten und dem Schicksal der Präparate nach 1945 zu beschäftigen, kam ebenfalls weder aus der Medizin, noch aus der etablierten Geschichtswissenschaft. 1985 publizierte er grundlegend zur Rolle der medizinischen Forschung im Nationalsozialismus. Sein Thema der Forschung an Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie“ erreichte allerdings erst am 3. Februar 1989 eine große Öffentlichkeit, als er einen Artikel in der „Zeit“ publizierte. Der Skandal um Präparate aus der NS-Zeit in den Anatomien der Bundesrepublik hatte bereits Wochen zuvor hohe Wellen geschlagen.

Paul Weindling vertritt die Auffassung, „radikale“ Studierende der Medizin hätten im Vorfeld des Skandals Alys Position aufgegriffen und gegen die Praxis der Lehre und Forschung mit menschlichen Überresten aus der Zeit des Nationalsozialismus protestiert. Tübingen sei ein Kristallisationspunkt gewesen. Deshalb sollen an dieser Stelle zunächst die Geschehnisse in Tübingen thematisiert werden, bevor auf Heidelberg eingegangen werden kann. Es bleibt in Weindlings Aufsatz von 2012 offen, wann der Impuls Götz Alys in Tübingen von wem aufgegriffen worden sein soll, warum und wie sich dabei der Fokus von der Forschung in der Neuropathologie zur Lehre in der Anatomie verschob. Tatsache ist, wie auch Weindling erwähnt, dass Benigna Schönhagen bereits 1987 über das Gräberfeld X in Tübingen schrieb, wo Opfer des Nationalsozialismus nach ihrer Verwendung in der Anatomie begraben worden waren. Sie war keine „radikale“ Medizinstudentin (wie auch immer das genau zu definieren wäre), sondern eine versierte Historikerin, die 1985 von der Stadt Tübingen beauftragt wurde, eine Dokumentation zur Geschichte des so genannten Gräberfelds X (das Gräberfeld der Anatomie) zu erstellen, und die diese Publikation 1987 vorlegte. Weder im Text, noch im Literaturverzeichnis wird Götz Aly erwähnt. Schönhagen berichtet einleitend, grabpflegerische Maßnahmen vor Ort hätten im Jahr 1980 Fragen aufgeworfen, die schließlich fünf Jahre später zum Auftrag der Dokumentation geführt hätten. Deren Hauptquelle waren die Leichenbücher des anatomischen Instituts, damals bereits im Universitätsarchiv Tübingen verwahrt. Gleichwohl erwähnte Schönhagen in ihrer Danksagung an erster Stelle den damaligen Tübinger Anatomen Professor Ulrich Drews und Professor Heinz Feneis für ihre Auskunftsbereitschaft, so dass von einer Mitarbeit der Anatomen bei der Aufarbeitung der Geschichte ihres Instituts im Nationalsozialismus auszugehen ist. Drews war es dann auch, der wenig später einen Vortrag hielt mit dem „Die Zeit des Nationalsozialismus am Anatomischen Institut Tübingen — unbeantwortete ethische Fragen damals und heute“. Dieser Vortrag fand am 17. November 1988 in einer von Studierenden organisierten Ringvorlesung des Wintersemesters 1988/89 zum Thema „Medizin im Nationalsozialismus“ statt. Laut Deutschem Ärzteblatt war es dieser Vortrag, der „die Affäre“ auslöste. Das regionale Fernsehen berichtete am 19. Dezember 1988, die Tagesthemen wie erwähnt am 2. Januar 1989. Neben Tübingen wurde als zweite Universität Heidelberg erwähnt, wobei unklar ist, wie es dazu kam.

Lag es vielleicht einfach daran, dass Heidelberg die einzige weitere baden-württembergische Universität war, die in Frage zu kommen schien (Ulm war eine Nachkriegsgründung, die Freiburger Anatomie war im Krieg zerstört worden)? Oder hatte es Kontakte von Journalisten zu Heidelberger Insidern gegeben?

Der Skandal zog Kreise. Am 6. Januar 1989 wurde die Kultusministerkonferenz durch das Auswärtige Amt informiert: Bei der Deutschen Botschaft in Tel Aviv sei eine Anfrage eingegangen, „betreffend die Verwendung von Präparaten von NS-Opfern“. Am 10. Januar schrieb der israelische Religionsminister Zebulon Hammer direkt an Bundeskanzler Helmut Kohl mit der Bitte, seinen „Einfluß geltend zu machen, damit die Körper von jüdischen Nazi-Opfern, die in der Bundesrepublik immer noch zu medizinischen Unterrichtszwecken gebraucht würden, so schnell wie möglich in Israel begraben werden können“. Am 11. Januar verurteilte Kohl die Vorgänge als „unerträglich und inakzeptabel“, eine Untersuchung bei der Kultusministerkonferenz und den Universitäten Heidelberg und Tübingen sei angeordnet.

Von der Vergangenheit eingeholt: halbherzige Aufklärung in Heidelberg

Tatsächlich datiert die interne Stellungnahme des Heidelberger Anatomischen Instituts bereits vom 10. Januar 1989. Die Resultate der Nachforschungen im damaligen Bestand (ein makroskopisches Präparat sowie drei mikroskopische Präparate in der anatomischen Sammlung für Lehrzwecke, die von zwischen 1933 und 1943 Hingerichteten stammten) bilden erkennbar die Grundlage für den Bericht der Kultusministerkonferenz an das Auswärtige Amt vom 19. Juli 1989. Auch wenn der Beschluss der Kultusministerkonferenz über eine detaillierte Umfrage erst vom 25./26. Januar 1989 stammte, hatte man in Heidelberg offenbar bereits im Zusammenhang mit den Presseberichten nach der Tagesthemensendung mit den Recherchen begonnen. Man sah sich als Opfer der Presse: „Jede geringste Anschuldigung insbesondere in Art von Pressekampagnen gegen unser Institut, die die Verletzung der Würde des Menschen betrifft, wie sie insbesondere die Opfer des Dritten Reiches erleiden mussten, kann im Hinblick auf diese Menschen nicht geduldet werden (u.a. Prof. Dr. Hermann Höpke, Direktor am Institut von 1946-1958, verfolgt während des Dritten Reiches, Prof. Dr. Hans Elias, Gastprofessor 1977, KZ-Häftling, Verlust der gesamten Familie, Prof. Dr. Hans Falck, Gastprofessor 1979-81, KZ-Häftling, Verlust sämtlicher Familienmitglieder).“

Spätestens am 11. Januar war damit auch das Rektorat der Universität auf den Plan gerufen. Der damalige Rektor, der Historiker Volker Sellin, kümmerte sich persönlich, befragte den inzwischen fast 100-jährigen Nachkriegs-Anatomen Hermann Hoepke und beriet sich mit den drei Direktoren der Anatomie, Dariush Fahimi, Wolf-Georg Forssmann und Wilhelm Kriz. Am 12. Januar 1989 berichtete die Rhein-Neckar-Zeitung bereits, Präparate möglicher NS-Opfer seien in Heidelberg und Tübingen aus den Sammlungen entfernt worden. Am selben Tag richtete die SPD-Fraktion des baden-württembergischen Landtags eine Anfrage an die Landesregierung, in der sie unter anderem eine unabhängige Kommission zur Aufklärung der Sachverhalte forderte (was in Tübingen bis zum 13. Juli 1989 geschah, in Heidelberg jedoch nicht). Warum am 13. Januar 1989 die betreffenden Präparate in der Anatomie nach telefonischer Anordnung aus dem Rektorat mithilfe eines Schraubstocks zerstört wurden, um sie später auf dem Bergfriedhof beizusetzen, ist nicht bekannt. Diese Maßnahme wurde nicht nach außen kommuniziert, jedoch konnte der Medizinhistoriker Wolfgang Eckart sie später mittels Zeitzeugeninterviews rekonstruieren. Auch eine interne Dokumentation ist allenfalls in rudimentären Ansätzen vorhanden.

Unter Medizinstudierenden gab es allerdings schon in den Tagen des Geschehens Gerüchte darüber, und dies beförderte den Eindruck, es solle hier etwas vertuscht und eine transparente Aufarbeitung verhindert werden. 1988/89 war auch die Zeit des sogenannten UniMut-Streiks, in erster Linie von Studierenden der Freien Universität Berlin, jedoch schließlich mit bundesweiter Ausdehnung. Im Januar 1989, während der Skandal um die Anatomie hohe Wellen schlug, fand im großen Hörsaal der Heidelberger Medizinischen Fakultät eine Vollversammlung der Medizinstudierenden statt, bei der man schließlich gegen einen Streik stimmte. Die Studierenden waren also offenbar nicht sehr radikal, die Stimmung gleichwohl politisch aufgeladen, und so führten die Geschehnisse in der benachbarten Anatomie dazu, dass eine Gruppe von ungefähr sieben bis zehn Studierenden einen „autonomen Arbeitskreis“ zum Thema „Medizin im Nationalsozialismus“ gründete. Vier Mitglieder dieser Gruppe (Gerrit Hohendorf, Helene Papaspyrou, Achim Magull und Maike Rotzoll) forderten am 29. Mai 1989 in einem „offenen Brief“ an die drei Direktoren der Anatomie, der nachrichtlich auch an den Rektor der Universität ging, eine über die Entfernung der Präparate hinausgehende umfassende und „kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der NS-Medizin an der Universität Heidelberg“. So sollten Leichenbücher und Bestände des anatomischen Instituts nicht ausschließlich durch die Anatomen selbst untersucht werden, sondern durch eine „unabhängige Kommission, wie in Tübingen geschehen“, zusammengesetzt aus Vertretern der Anatomie, der Geschichte, der Jurisprudenz, der Betroffenen und der Studierenden. Zudem wünschte sich die Gruppe eine vollständige Aufarbeitung der Geschichte der NS-Medizin in Heidelberg unter Einbeziehung aller Institute und Kliniken; dabei sprachen sie in ihrem offenen Brief insbesondere die Psychiatrie an.

Rektor Sellin erteilte damals einer solchen Form der Aufarbeitung vor Ort eine Absage. In seiner Antwort an die Medizinstudierenden schrieb er: „Auch Ihr Bedürfnis nach wissenschaftlicher Aufklärung über die Rolle der Medizin im Nationalsozialismus teile ich. Die Erforschung des Nationalsozialismus ist seit Jahrzehnten in großem Umfang und mit reichem Ertrag von der Geschichtswissenschaft im In- und Ausland Betrieben worden. Dabei ist die Verstrickung von Teilen der Medizin in das Unrechtsregime keineswegs ‚verdrängt und verschwiegen‘ worden, wie Sie meinen. Zum Beleg nenne ich nachstehend eine Auswahl von einschlägigen Werken, die in den allerletzten Jahren erschienen sind. Ich bin allerdings der Ansicht, dass derartige Forschungen, wenn sie zu stichhaltigen Ergebnissen gelangen sollen, sich den Kriterien der historischen Methode unterwerfen müssen. Ich kann nicht erkennen, wie eine so heterogene Kommission wie die von Ihnen vorgeschlagene diesen Kriterien entsprechen könnte.“ Als Historiker zweifelte er offenbar an der Sachkompetenz vor allem der Medizinstudierenden, als Rektor scheute er vielleicht weitere mediale Aufmerksamkeit, jedenfalls unternahm er auch seinerseits zunächst keine weiteren Forschungsbemühungen. Wie vielerorts stand zunächst die Entfernung verdächtiger Präparate aus der Lehre im Vordergrund, diese Thematik hatte schließlich im Zentrum des Skandals gestanden. In zweiter Linie bemühte man sich um einen vermeintlich dauerhaft unschädlichen Verbleib der Präparate – die Bestattung. Mithin handelte es sich am ehesten um ein „Säubern“ der Sammlungen, während Forschung zu den individuellen Opfern erst nicht im Vordergrund stand und später zum Teil durch übereilte und mäßig dokumentierte Beerdigungen unmöglich gemacht wurde. Heidelberg war hierin keine Ausnahme.

Die Anliegen einer unabhängigen Untersuchung und einer umfassenden Erforschung der NS-Medizin in Heidelberg, sogar im Kontext der gesamten Universität, wurde erst etwa anderthalb Jahrzehnte später mit dem Buch „Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus“ verwirklicht, das der Medizinhistoriker Wolfgang Eckart mit seinen Historikerkollegen Volker Sellin und Eike Wolgast 2006 herausgab. Zwei ehemalige Medizinstudierende und Mitglieder des „Autonomen Arbeitskreises“ waren inzwischen Psychiater und Medizinhistoriker geworden; sie steuerten nun gemeinsam das Kapitel über die Heidelberger Psychiatrische Klinik bei. Vielerorts wurden in diesen Jahren die medizinischen Fakultäten aufgearbeitet, zum Teil einschließlich der Anatomien. Auch ethische Überlegungen zum Umgang mit Präparaten in anatomischen Sammlungen wurden erst deutlich nach dem Skandal von 1989 in Richtlinien gegossen: 2003 erschienen die „Empfehlungen zum Umgang mit Präparaten aus menschlichem Gewebe in Sammlungen, Museen und öffentlichen Räumen“ unter den Mitteilungen der Bundesärztekammer im Deutschen Ärzteblatt. Eine umfassende Studie zum Thema Anatomie im Nationalsozialismus legte schließlich Sabine Hildebrandt 2016 vor: Anatomy of Murder. Doch sind die Studien zu den einzelnen anatomischen Instituten im ehemaligen Reichsgebiet und den annektierten oder besetzten Gebieten längst noch nicht überall vollständig abgeschlossen, gleiches gilt für die (Neuro-) Pathologien an Universitäten und außeruniversitären Forschungsinstitutionen. Zurzeit ist allerdings viel in Bewegung, nicht nur in Heidelberg und gerade auch im Hinblick auf die Erinnerung an die Opfer.


Maike Rotzoll

Quellen:

IAHD

Ordner ohne Signatur

Anatomie an Ministerium für Kultus und Unterricht, 27.9.1046.

UAHD
ACC 36/18/1

Gesprächsnotiz Hoepke mit dem Friedhofsinspektor, 25.3.1947
Antwort Friedhofsverwaltung an Amt für Allg. Bauverwaltung, Friedhof- u. Bestattungswesen, Bauverwaltung, 31.5.1948
Stadtverwaltung an Anatomie, 12.7. 1948; 19.7.1948; 25.1.1949

BII-69d

StAHD
LFA 5-202613 Bestattungslisten
LFA 50

Brief Friedhofsverwaltung an Amt für Allg. Bauverwaltung, Friedhof- u. Bestattungswesen, 11.5.1944

Arolsen Archiv
Gräberliste mit NS-Opfer

Via Momentum, Denkmalpflege Heidelberger Friedhöfe e.V.

Anonym, Israel appelliert an Kohl, Frankfurter Rundschau 11.1.1989.

Anonym, Bonn lässt Präparate suchen. Kohl: Verwendung von Nazi-Opfern für Medizin ist unerträglich, Frankfurter Rundschau 12.1.1989.

Anonym, Präparate möglicher NS-Opfer in Heidelberg und Tübingen entfernt, Rhein-Neckar-Zeitung 12.1.1989.

Götz Aly, Der saubere und der schmutzige Fortschritt, Reform und Gewissen. ‘Euthanasie’ im Dienst des Fortschritts. Rotbuch Verlag, Berlin 1985.

Arbeitskreis „Menschliche Präparate in Sammlungen“, Empfehlungen zum Umgang mit Präparaten aus menschlichem Gewebe in Sammlungen, Museen und öffentlichen Räumen, in: Deutsches Ärzteblatt 100 (2003), Heft 8, S. 378-383.

Michael Arnold, Anatomie im Zwielicht?, in: Deutsches Ärzteblatt 86 (1989), Heft 6, 9. Februar 1989, A-297. Weindling 2012, S. 238.

Bericht über Präparate aus der Zeit des Nationalsozialismus in Instituten der Bundesrepublik Deutschland, in: Brief des Generalsekretärs der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland an das Auswärtige Amt Bonn vom 19.7.1989 (Staatsarchiv Hamburg).

Eckard Bund, Uni im Nationalsozialismus. Präparate von Nazi-Opfern im Anatomischen Institut – Einige Hintergründe (Interview mit Sophie Berlinghof), In: Schlagloch, Heidelberger Student(inn)enzeitung, Mai 1989, Nr. 8, 3. Jahrgang, S. 7.

Wolfgang U. Eckart, Volker Sellin und Eike Wolgast, Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus, Heidelberg 2006.

Sabine Hildebrandt, The Anatomy of Murder: Ethical Transgressions and Anatomical Science during the Third Reich, New York 2026.

Gerrit Hohendorf, Helene Papaspyrou, Achim Magull und Maike Rotzoll, Offener Brief der Studierenden an die Direktoren des anatomischen Instituts der Universität Heidelberg vom 29.5.1989.

Ruth Oberhausen, Anatomie unter Beschuß, in: Deutsches Ärzteblatt 86 (1989), Heft 6, 9. Februar 1989, A-277.

Benigna Schönhagen, Das Gräberfeld X. Eine Dokumentation über NS Opfer auf dem Tübinger Stadtfriedhof, Tübingen 1987.

Felix Sommer, Anatomie, in: Wolfgang U. Eckart, Volker Sellin und Eike Wolgast, Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus, Heidelberg 2006, S. 651-670.

Paul J. Weindling, “Cleansing” anatomical collections: The politics of removing specimens from German anatomical and medical collections 1988–92, in: Annals of Anatomy 194 (2012) 237–242.

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