Das Leichenjournal

Spezielle Eingangsbücher der Anatomie dokumentieren seit Beginn des 19. Jahrhunderts die Einlieferung von verstorbenen Menschen.

Diese wurden benötigt, um den menschlichen Körperbau zu verstehen und angehende Ärzte und Medizinerinnen auszubilden. Die Körper wurden und werden bis heute in der Lehre Schicht für Schicht präpariert, es werden unter anderem Organe, Muskeln, Nerven dargestellt. Ohne diese Kenntnis fehlte den Studierenden die Basis ihrer ärztlichen Tätigkeit.

Das Leichenjournal als primäre Quelle legt mehr oder minder detailliert Zeugnis ab über all diese Menschen. Bis das Körperspende-Programm kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen und von der Bevölkerung angenommen wurde, kann man davon ausgehen, dass die meisten Verstorbenen ohne ihre vorherige Zustimmung zu Lehrzwecken untersucht wurden. Dieser Übergang verlief fließend.

Das vorliegende Schriftstück ist 37 cm hoch, 24 cm breit und 2 cm dick. Die Einträge beginnen im Jahr 1905 und enden 1957. Der Einband ist stark abgegriffen und wahrscheinlich durch Luftfeuchte gewellt, die Ecken angestoßen, einige wurden mit einem Textilband verstärkt. Das gleiche Band wurde auch verwendet, um den jetzt erneut gebrochenen Rücken zu verstärken. Unter der Signatur KE 205 wird das Buch seit der Abgabe durch die Anatomie im Jahr 2016 im Universitätsarchiv Heidelberg aufbewahrt.

Im Betrachtungszeitraum, also während der NS-Zeit, finden sich in Zeilen und Spalten gruppiert etwa 1000 Namen, tabellarisch aufgeschriebene Schicksale. Beginnend mit der sogenannten Eingangsnummer, sie wird chronologisch vergeben wird, schließen sich der Tag und das Jahr der Einlieferung an. Dem Heimatort folgt die Altersangabe, danach der Ort der Herkunft. Dies konnte eine Pflegeanstalt, ein Gefängnis oder ein Hinrichtungsort sein. Manchmal findet sich der Tag der Beerdigung, die Art der Präparation, auch technische Informationen wie die Beschaffenheit der Injektion oder das präparierte Gebiet können dem Dokument -teilweise- entnommen werden.

Leichenjournal Vorderseite
Quelle UAHD, KE205
Vergleich_Anstalten
Quelle: Das Leichenjournal

Es konnten einige statistische Daten wie die Altersverteilung, Geschlechterverteilung oder Informationen über die einliefernden Instanzen über die Jahre erhoben werden. Durch das Studium zusätzlicher Archivquellen konnten zumindest einige Angaben ergänzt werden, die sich nun in den vorliegenden Tabellen wiederfinden.

Anzahl der Einlieferungen nach Hinrichtungen in Relation zu dem Alter der hingerichteten Personen
Quelle: Das Leichenjournal
Die Anstalten aus der Region lieferten nur bis etwa 1942 kontinuierlich Verstorbene an die Anatomie. Die Anstalt Hub brachte, neben der aus Wiesloch, über lange Zeiträume die meisten Verstorbenen zur Anatomie. Danach schlossen viele der Einrichtungen temporär, und eine hohe Zahl an Einlieferungen erfolgte nach Hinrichtungen. Diese Entwicklung machte sich auch bemerkbar durch die konsekutiv veränderte Altersstruktur der Verstorbenen. Das Durchschnittsalter sank von etwa 60 Jahren auf Ende 30; fast zeitgleich wurden vermehrt Menschen nach ihrem oft gewaltsamen und unnatürlichen Tod durch Hinrichtungen nach Heidelberg verbracht.

Wer waren die hingerichteten Menschen? Welche Straftat wurde ihnen vorgeworfen?

Es lassen sich zwei große Hauptgruppen ausmachen: Einerseits Kleinkriminelle, sie machen den größten Anteil aus, andererseits politisch verfolgte Personen, die oft in Gruppen ermordet und zur Anatomie gelangten.

Quelle: Das Leichenjournal
Die Auswertung zeigt, dass die meisten Personen männlichen Geschlechts waren. Tatsächlich kann man diese Verteilung bis Ende der 1980er Jahre beobachten, danach kehrt sich das Verhältnis zu Gunsten der Frauen um. In einer Auswertung, die für 1954 bis 2010 erstellt wurde, erkennt man ebenfalls eine gestiegene Lebensdauer. Hier stieg das Alter der SpenderInnen auf ungefähr 80 Jahren an.

Aussicht


Was bleibt zu tun? Nachdem die Internetseite online ging, ist die Arbeit noch nicht zu Ende. Wie bei fast jeder Forschung treten die offenen Fragen erst dann zutage, wenn man sich intensiv mit einer Thematik beschäftigt. So auch in dem vorliegenden Projekt. Die Biografien sollen sukzessiv ergänzt, Menschen identifiziert werden.

Aussicht

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