Wodli

Die Wodli-Gruppe

Marcel Stoessel, René Birr, Eugène Boeglin, René Kern, Alphonse Kunz, Adolphe Murbach, Auguste Sontag und Édouard Schwartz gehörten ab Sommer 1941 zu einer Résistance-Gruppe um den Eisenbahn-Gewerkschafter Georges Wodli im von Deutschland annektierten Elsass.

Gedenkstein für die Widerstandsgruppe Wodli
Quelle: Sara Doll
Wodli engagierte sich bereits seit 1920 zunächst in der Sozialistischen Partei, dann in der französischen Sektion der Kommunistischen Internationale (SFIC) und schließlich in der von dieser abgespaltenen Kommunistischen Partei (PCF). Ab dem Jahre 1933 begann er den deutschen kommunistischen Widerstand zu unterstützen. Im Frühjahr 1941 wurde er schließlich, nach mehreren Verhaftungen und einer erfolgreichen Flucht, vom Zentralkomitee der illegalen Kommunistischen Partei als internationaler Delegierter für Elsass und Lothringen eingesetzt. Wodli agierte fortan unter den Decknamen „Jules“, „Martin“ und „Charles Berger“. Seine Aufgaben als internationaler Delegierter bestanden darin, die kommunistische Partei und die Gewerkschaft CGT (Confédération générale du travail) in den annektierten Gebieten Frankreichs wieder aufzubauen und außerdem den Widerstand zu entwickeln. Dazu reiste der Eisenbahn-Gewerkschafter durch die besetzten Gebiete, vor allem die Arbeiter- und Eisenbahnerzentren. In den jeweiligen Zentren beauftragte er einzelne Mitglieder seiner „Groupe Wodli“ mit der örtlichen Leitung des kommunistischen Widerstandes. So wurden Édouard Schwartz, René Birr und Adolphe Murbach – die auch als „das Dreieck“ bezeichnet wurden – Verantwortliche für den kommunistischen Widerstand im Département Haut-Rhin.

400 aktive Widerständler, meist Eisenbahner, Bergarbeiter, Gewerkschafter und Kommunisten im Elsass und in Lothringen fanden sich im Kampf gegen die Besatzungsmacht zusammen.

Sie verteilen Flugblätter, in denen zum Beispiel „das Recht auf Selbstbestimmung des Elsass-Lothringen und die Unabhängigkeit unseres Landes“ gefordert wurden. Die Mitglieder der Wodli-Gruppe brachten zudem die zweisprachige Zeitschrift „L’Humanité“ heraus, sammelten Spenden für Familien von Verhafteten und organisierten die Flucht von Gefährdeten, geflohenen Kriegsgefangenen und Häftlingen über die nahegelegene Grenze in die Schweiz oder in die noch nicht von der deutschen Wehrmacht besetzte Zone Frankreichs. Sie bereiteten Waffen-Depots vor und planten einen Anschlag auf die Eisenbahn-Linie Basel-Mulhouse-Strasbourg.

Ab Frühjahr 1942 gelang es der Gestapo, über 100 der Résistance-Kämpferinnen und -Kämpfer zu verhaften. Es ist nicht geklärt, ob die Gruppe verraten worden war oder ob sie sich zu unvorsichtig verhalten hatte. Die Nationalsozialisten verschleppten die Résistance-Kämpfer, darunter auch Birr, Boeglin, Kern, Kunz, Murbach, Sontag, Schwartz und Stoessel zwischen Mai und Ende Juli 1942 in das „Sicherungslager“ Schirmeck-Vorbruck (Schirmeck La-Broque) im annektierten Elsass. Dort wurden sie im „Bunker“ eingesperrt und über mehrere Verhöre hinweg durch Gestapo-Beamte gefoltert. Am 23. Januar 1942 fand der erste Prozess vor dem Volksgerichtshof in Strasbourg, dem damals höchsten deutschen Strafgericht, unter dem Vorsitz des berüchtigten Richters Roland Freisler statt. In einem Artikel der nationalsozialistischen Tageszeitung „Straßburger Neuesten Nachrichten“ vom 27. Januar 1943 hieß es dazu: „Das Reich ist nach Jahren der Geduld, der Erziehung und der Aufklärung zur Vernichtung und Ausmerzung jener wenigen Elemente entschlossen, die glaubten, im Elsaß die Geschäfte des Bolschewismus, also des erbittertsten Feindes des nationalsozialistischen Deutschlands besorgen und sich damit zu Soldaten Stalins machen zu können.“ Angeklagt waren René Birr, Eugène Boeglin, Adolphe Murbach und Auguste Sontag sowie zwei weitere Personen wegen ihrer Beteiligung am Aufbau einer kommunistischen Organisation, der Herstellung und Verbreitung propagandistischer Schriften und dem Aufbau eines Waffendepots aus zugelassenen Waffen. Die vier Widerstandskämpfer der Wodli-Gruppe wurden wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und landesverräterischer Feindbegünstigung“ als erste Mitglieder des Widerstandsnetzwerks im Elsass zum Tode verurteilt. Für die anderen Mitangeklagten lautete das Urteil Zwangsarbeit.

Édouard Schwartz, René Kern, Marcel Stoessel und Alphonse Kunz wurden am 19. März 1943 zusammen mit acht weiteren Frauen und Männern ebenfalls vor den Volksgerichtshof in Strasbourg unter Freisler gestellt. Auch sie wurden wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und landesverräterischer Feindbegünstigung“ zum Tode verurteilt. Dieses Urteil wurde folgendermaßen begründet: Sie „haben als kommunistische Spitzenfunktionäre durch große kommunistische Wühlarbeit im Kriege den Feind des Reiches, Sowjetrussland und die mit ihm verbündeten Plutokratien unterstützt. Sie werden wegen dieses Dolchstoßes gegen das eigene kämpfende Volk mit dem Tode bestraft. Sie sind für immer ehrlos.“
Von Strasbourg kamen die acht Widerstandskämpfer ins Gefängnis Stuttgart. Der Leiter der Gruppe, Georges Wodli war im Oktober 1942 in die Fänge der Gestapo geraten und verstarb Anfang April 1943. Die Umstände seines Todes sind bis heute unklar. Als wahrscheinlichste Version gilt, dass er am 2. April um 9:30 Uhr an den Folgen wiederholter Folter durch Gestapo-Beamte in seiner Zelle verstarb. Getarnt wurde sein Tod als Suizid durch Erhängen. Auch in seiner Sterbeurkunde ist als Todesursache Selbstmord gelistet. Seine Leiche wurde nicht einem anatomischen Institut überstellt, sondern im Krematorium des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof eingeäschert.

Bekanntmachung über die Hinrichtung der Mitglieder der Widerstandsgruppe Dijon
Quelle: Altmeyer, T.: Colmar. Region Grad Est/Elsass/Alsace, Departement Haut-Rhin. Von Gedenkorte Europa 1939-1945: https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/colmar.html

Am 1. Juni 1943 wurden René Birr, Eugène Boeglin, Adolphe Murbach und Auguste Sontag im Lichthof des Landgerichts in Stuttgart am frühen Morgen mit dem Fallbeil hingerichtet. Ein nicht näher genannter Zeuge berichtete sechs Jahre später gegenüber der „Volksstimme Stuttgart“: „um fünf Uhr morgens wurden die zum Tode Verurteilten geweckt, und man verlas ihnen erneut das Todesurteil des Staatsanwalts. Dann mussten sie sich vollständig ausziehen und das papierene Totenhemd mit ausgeschnittenem Kragen anlegen. Sie wurden in den Hof des Justizgebäudes geführt, wo die betrunkenen Gehilfen des Henkers auf ihre Opfer warteten. Die Verurteilten wurden brutal niedergelegt und auf dem Schafott festgebunden. Der Gehilfe drückte auf einen Knopf, das Fallbeil sauste herab, und man ging zum nächsten Opfer über“. Noch am selben Tag wurde eine „Bekanntmachung“ auf rotem Papier an den Mauern von Colmar und Nachbarorten im Elsass aufgehängt. Darauf wurde die Hinrichtung der vier Résistance-Kämpfer verkündet: Renatus Birr, 20 Jahre; August Sontag, 27 Jahre; Eugen Boeglin, 30 Jahre und Adolf Murbach 40 Jahre. Die Namen waren eingedeutscht. Am 29. Juni 1943 folgten die Hinrichtungen von Marcel Stoessel, René Kern, Alphonse Kunz und Édouard Schwartz am selben Ort ebenfalls mit der Guillotine.

Die Leichen der in Stuttgart Geköpften wurden nicht den Familien übergeben, sondern ohne die Zustimmung Angehöriger in die Anatomie der Universität Heidelberg eingeliefert. Was dort mit den Leichen geschah, kann nicht mehr genau rekonstruiert werden. Letztendlich gab es nach der Verwendung der Körper für die medizinische Lehre acht Urnen. Auch diese wurden nicht den Familien übergeben, sondern in einem Sammelgrab auf dem Bergfriedhof Heidelberg beigesetzt. Die Gründe für die ausbleibende Übergabe der Urnen an die Angehörigen lassen sich in einem Telegramm der Gestapo Strasbourg an den Oberstaatsanwalt in Berlin finden: Darin wurde die Überführung der Leiche eines ebenfalls im Juni 1943 geköpften elsässischen Widerstandskämpfers in seine Heimatgemeinde abgelehnt. Denn „bei der Einstellung eines großen Teiles der elsässischen Bevölkerung [wäre] mit einer Massenbeileidsbekundung zu rechnen“. Bei den acht Ermordeten der Wodli-Gruppe findet sich eine Ausnahme: Die Urne mit der Asche von Marcel Stoessel wurde der Familie zur Bestattung in seiner Heimatgemeinde Mulhouse übergeben. Grundlage dafür stellten Zeugenaussagen dar, welche versicherten, dass der Ermordete kein Kommunist gewesen wäre. Aus diesem Grund erinnert eine Gedenktafel auf dem Bergfriedhof in Heidelberg nur an sieben der acht Hingerichteten und dort Beigesetzten der Wodli Gruppe: René Birr, Eugène Boeglin, Adolphe Murbach, Auguste Sontag, René Kern, Alphonse Kunz und Édouard Schwartz.

Angelina Baudach in Zusammenarbeit mit Familie Brändle

Quellen:

Birr, René. Les dernières lettres, 23 janvier 1943-31 mai 1943. Raymond Olff & Famillie, scribest éditions, 2018.

M., W.. Schonungslose Ausrottung des Verrats. Straßburger Neueste Nachrichten: amtliche Tageszeitung der NSDAP, 29.1.1943.

Neveu, Céderic, & Forthoffer, Joel. Wodli Georges, In: Fontaine, Thomas, Cheminots victims de la répression. Paris, 2017.

Scribest éditions. René, BIRR (1922-1943). https://www.scribest.fr/images/article/185/thumbs/Renee_BIRR_portrait.jpg, aufgerufen am 01.04.2026.

Gedenkorte Europa 1939-1945. https://www.gedenkorte-europa.eu/de_de/colmar.html, aufgerufen am 30.4.2026.

Fehrentz, Dieter; Mumm Hans-Martin. Das Mahnmal für die Opfer der nationalsozialistischen Justiz auf dem Bergfriedhof. https://doi.org/10.57962/regionalia-24633 , aufgerufen am 30.4.2026.

Fondation pour la mémoire de la déportation. Maris, Manuel. Les arrivées au SL Schirmeck, de janvier a juillet 1942, de personnes arrêtées en zone annexée (II.7.). http://www.bddm.org/liv/details.php?id=II.7.#KERN, aufgerufen am 01.04.2026.

Le Maitron. Dictionnaire biographique. Strauss Leon, Ribeill Georges.
Wodli Georges, Charles. https://fusilles-40-44.maitron.fr/wodli-georges-charles-parfois-ecrit-vodli-pseudonymes-martin-ou-jules-ou-berger-charles/, aufgerufen am 01.04.2026.

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