Probleme bei der Auswertung
des Leichenjournals

Todesursachen

Daten wie die Todesursachen aller nicht offensichtlich hingerichteten Menschen konnten für die meisten Eingelieferten nicht erhoben werden. Es muss kritisch bemerkt werden, dass sicherlich viele angegebenen Todesursachen, die im Normalfall als „natürlich“ ausgewiesen worden wären, hier nicht als solche bezeichnet werden können. Zwangsarbeiter, die unter unmenschlichen Bedingungen arbeiteten und deshalb zum Beispiel an Auszehrung, Tuberkulose oder infektiösen Darmerkrankungen verstarben, starben sicher „nicht natürlich“. Dies gilt auch für Insassen von Pflegeanstalten, die durch zum Beispiel Vernachlässigung starben. Die wenigen Anamnese Informationen in der hier verfügbaren transkribierten Tabelle wurden Sektionsprotokollen entnommen, die sich noch im hauseigenen Archiv der hiesigen Pathologie finden lassen. Darüber hinaus starben, aufgrund mangelnder Informationen, viele Personen an einer „ungeklärten Todesursache“. Diese drei Klassifikationen (natürlich, nicht natürlich und ungeklärt) entsprechen der modernen Einteilung der Todesarten in Deutschland.

Ungenauigkeiten der Eingangsdaten

Es zeigen sich weitere Schwachstellen, die eine lückenlose und detailgetreue Aufarbeitung des Journals erschweren: Die Eintragungen sind sehr ungleich vorgenommen, und oft bleiben Spalten leer oder Markierungen mit farbigen Stiften unerklärt. Verlaufene Tinte, rasch dahin geschriebene Einträge mit Bleistift, die es fast unmöglich machen, Namen zu entziffern. Im schlimmsten Fall zeugen Lücken in der Dokumentation von eingelieferten Menschen, deren Namen nicht bekannt waren – oder deren Namen vielleicht für diejenigen, die sie eintrugen, gar keine Rolle mehr spielten. Eine der größten Herausforderungen stellen hier die Leerstellen in den späteren Jahren dar: geschweifte Klammern, die offensichtlich mehrere Eingänge für einen Tag verzeichnen und die nur mit „Limburg“ aufgeführt wurden. Während der Zeit, in der Hinrichtungen vorgenommen wurden, lassen sich weitere Ungenauigkeiten der Eingangsdaten bemerken. Bei der Erarbeitung der Biographien stellte sich heraus, dass offenbar die Einlieferungsverteilung den entsprechenden Universitäten schon vorab mitgeteilt wurde. Obwohl die Personen noch lebten, wurden sie bereits als Eingang verzeichnet. Diese offensichtliche Fehlinformation wurde im Leichenjournal auch nicht mehr nachträglich korrigiert. In einem anderen Fall wurde eine Person als Heidelberger Eingang verzeichnet, die aber nach Tübingen gebracht wurde.

Staatsangehörigkeit

Anhand des Leichenjournals konnte auch nicht die Staatsangehörigkeit für alle Menschen valide ermittelt werden. Diese Information bekam besondere Relevanz bei der Suche im Rahmen der Ausländersuchverfahren nach dem Krieg. Laut Listen, die von der Anatomie für die Stadtverwaltung Heidelberg erstellt wurden und die bei den Arolsen Archives einsehbar sind, sollen es jedoch ein Holländer, acht Franzosen, zehn Polen, 143 Russen und weitere 22 Menschen mit unbekannter Staatszugehörigkeit gewesen sein. Ein Abgleich dieser Namen mit dem Journal verlief nicht erfolgreich; die meisten dieser Personen konnten nicht als Eingänge ausfindig gemacht werden.

Kremationen und weitere Schwierigkeiten

Ein großer Schwachpunkt des Leichenjournals ist die nachlässig geführte Dokumentation über die Kremationen der Menschen. Wurden anfangs noch zum Beispiel die Bestattungsdaten erfasst, so finden sich später erhebliche Lücken. Viele Spalten blieben leer und hinterlassen grundlegende Probleme bei der Auswertung dieser Informationen. Zu manchen Zeiten notierte man die Todesursachen, jedoch findet man auf den meisten Seiten keine Information mehr darüber. Andere Angaben wie der „Verwendungszweck“ der Personen wurde teilweise mit Zahlen kombinierten, die sich nicht sicher den vorgegebenen Spalten zuordnen lassen. Wurde ein Präparat zu dieser Zeit erstellt, oder die Person bestattet? Auf den letzten Seiten des Journals finden sich verblichene Bleistift Notizen, die Bestattungsdaten angeben. Hier fällt auf, dass es sich in den meisten Fällen nicht, wie heute, um einen Eintrag handelt, der einem Tag zugeordnet werden kann. Es werden Monate angegeben, zu denen viele Personen zum Friedhof gebracht wurden. Wurden die Menschen alle an einem Tag eingeäschert oder an mehreren? Verbrachte man sie in mehreren Holzkisten oder nur in einer zum Krematorium?

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