„Aufgegeben haben wir nie …“, lautet der Titel der autobiografischen Erinnerungen von Max Faulhaber, dem jüngeren Bruder von Jakob Faulhaber. Beide beteiligten sich aktiv am Widerstand gegen das NS-Regime. Während sich Max Faulhaber rechtzeitig nach Frankreich absetzen konnte und so die die NS-Zeit überlebte, führte sein Bruder Jakob den Kampf bis zu seiner Verhaftung 1942 vor Ort im Raum Mannheim fort. Nach Inhaftierung und Folterverhören durch die Gestapo folgte der Prozess vor dem Volksgerichtshof in Mannheim. Alle 14 Angeklagten der Lechleiter-Widerstandsgruppe wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Karl Jakob Faulhaber wurde am 27. März 1900 in Erlangen geboren. Der Vater, Michael Faulhaber, war dort Bierbrauer, die Mutter Margarete, geb. Friedmann, arbeitete in einer Textilfabrik.

Die jüngeren Geschwister waren Grete und Max. 1907 siedelte die Familie von Erlangen nach Mannheim um. Dort versprach man sich bessere Arbeitsbedingungen, was zunächst auch der Fall war. Als langjähriges SPD-Mitglied fand Michael Faulhaber eine Anstellung in der dortigen Konsumgesellschaft und wurde zum Abteilungsleiter in der Getränkeproduktion. Die Familie hatte Glück, als ihr 1912 per Losverfahren eine Wohnung am „Grünen Hag 6“ in der Mannheimer Gartenstadt zugewiesen wurde. Der Sohn Max beschreibt seinen Vater als „Aktivist“ in der sozialistischen Bewegung. Die Geschwister wuchsen demnach in einem aktiven sozialistischen Elternhaus auf, wo zunächst gegen die Monarchie und später gegen das NS-Regime opponiert wurde.
Jakob wollte Lehrer werden, zum Studium fehlte jedoch das Geld, weshalb er im Mannheimer Unternehmen „Strebelwerke“ eine Lehre zum Schlosser absolvierte. Kaum war diese beendet, wurde er 1918 nach Straßburg zum Militär eingezogen. Faulhaber erkrankte schwer an einer Rippenfellentzündung und wurde vom Dienst freigestellt. Nach der Rückkehr nach Mannheim schloss er sich der Wandervogelbewegung an und ging mit seinem Freund Erich Westphal zwei Jahre lang auf Wanderschaft. Danach beteiligte er sich mit seinem Bruder Max am Aufbau der sozialistischen Arbeiterjugend. Den Unterhalt verdiente Jakob Faulhaber als Schlosser bei den Unternehmen „BBC, Lanz und den Anker-Kohlewerken“. 1924 gründete die Familie Faulhaber eine generationenübergreifende Gemeinschaftsgärtnerei, die sich zunächst sehr gut entwickelte. Bald darauf erwartete das Ehepaar Jakob und Emma (geb. Heinsohn) ihr erstes Kind: Ruth wurde am 15. September 1926 in Mannheim geboren. Die jüngere Schwester Agnes wurde knapp drei Jahre später am 04. Juni 1929 geboren. Emma Faulhaber war als gelernte Kontoristin in dem Gärtnereibetrieb für die Büroarbeiten zuständig.
Schon während der Weimarer Republik nahmen die Brüder Jakob und Max Faulhaber an Demonstrationen und Saalschlachten gegen Nationalsozialisten teil. In diesen Jahren lernten sie Georg Lechleiter und Paul Wandel (später Minister für Volksbildung in der DDR), beide führende KPD-Funktionäre in Mannheim, kennen. Die Entscheidung der gesamten Familie Faulhaber (Eltern, Geschwister und deren Frauen) zum Übertritt zur KPD war insbesondere durch das politische Vorbild des ebenfalls zur KPD gewechselten Stadtpfarrers Erwin Eckert motiviert. Zusammen mit Jakob Faulhaber und anderen gründete er in Mannheim im Winter 1931 ein Einheitsfrontkomitee.
Von nun an verteidigten die Faulhabers mit zahlreichen weiteren Antifaschisten den „Roten Waldhof“ mit großem Engagement. Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verhaftete die SA Jakob und Max Faulhaber. Im Mai kam Jakob frei, Max wurde in das KZ Kislau verbracht, von wo er im September 1933 fliehen und sich nach Frankreich absetzen konnte.
Nach dem am 22. Juni 1941 begonnenen Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion war für Lechleiter und Faulhaber der Zeitpunkt gekommen, mit der Kampfschrift „Der Vorbote“ insbesondere in Mannheimer Großbetrieben zum Widerstand gegen die NS-Herrschaft aufzurufen. Beide nutzten ihre Kontakte zu regimekritischen Personen und organisierten mittels eines ausgeklügelten Systems die Herstellung und Verbreitung der Zeitung.
Dass von Anfang an ein V-Mann der Gestapo eingeschleust war, konnten sie nicht wissen. Der kommunistischer Redakteur Gustav Süß, mit Lechleiter, Faulhaber und anderen aus der Widerstandsgruppe sehr gut bekannt, war nach einer Zuchthausstrafe in Bruchsal jahrelang willkürlich im KZ Dachau als „Schutzhäftling“ festgesetzt worden.

Privatbesitz Jutta Horsch (Enkelin)
Während dieser Zeit gelang es der Gestapo, ihn als V-Mann anzuwerben. Mehrere Monate wurde die Widerstandsgruppe beobachtet. Am 25. Februar 1942 kam es schließlich zu zahlreichen Verhaftungen. Es folgten Folterverhöre, denen sich Faulhaber durch einen Selbstmordversuch zu entziehen versuchte. Zudem übte die Gestapo Druck auf die Ehefrau Emma aus, verhörte auch sie mehrfach und bereitete Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche.
Faulhaber schrieb lange Briefe aus dem Gefängnis an seine Frau und die beiden Töchter. An seinem 42. Geburtstag schrieb er: „Heute hatte ich Geburtstag. Ich glaube es war wohl mein heroischster den ich bis jetzt erlebt habe“.
Er ahnte zu diesem Zeitpunkt offensichtlich schon, dass die Geschichte für ihn und viele andere aus der Gruppe nicht gut ausgehen sollte.
Während des Prozesses in Mannheim am 14. und 15. Mai 1942 bestätigten sich Faulhabers Befürchtungen. Er trat selbstbewusst auf und versuchte sich mittels einer Ansprache an die anwesenden Zuhörer/-innen zu verteidigen. Faulhaber wurde freilich vom Vorsitzenden Richter Karl Engert, damaliger Vizepräsident des Volksgerichtshofs, jäh unterbrochen. Alle 14 Angeklagten wurden zum Tode verurteilt.
Am 15. September 1942, dem 16. Geburtstag der ältesten Tochter Ruth, wurden die Hinrichtungen in Stuttgart vollzogen. Am selben Tag waren dunkelrote Plakate mit den Namen der Opfer unter Nennung der „Vergehen“ in Mannheim und Umgebung vom NS-Regime angeschlagen worden.
Die sterblichen Überreste der Opfer wurden den Anatomischen Instituten in Heidelberg und Tübingen zugeführt.
Aus dem Aktenvermerk ist zu entnehmen, wie perfide die Behörden die Hinterbliebenen im Unklaren ließen. Emma Faulhaber und ihre Töchter werden erst nach 1945 Gewissheit darüber bekommen, dass die Leiche am 15.9.1942 in die Anatomie Heidelberg verbracht wurde.
Die Nachfragen von Emma Faulhaber, wohin man die Leiche ihres Mannes verbracht habe, wurden abgewiesen. In der Anatomie in Heidelberg kam es zu einer außergewöhnlichen Situation. Der dort tätige Anatom Kurt Altmann (1916-1989) erkannte Jakob Faulhaber unter den Leichen vom 15. September 1942. Die Familien Faulhaber und Altmann kannten sich aus der Mannheimer Gartenstadt sehr gut.
Dass wir heute einiges aus den frühen Familienjahren über Jakob Faulhaber wissen, ist insbesondere seinem Bruder Max zu verdanken. Wie eingangs erwähnt, ist sein Buch „Aufgegeben haben wir nie …“ eine wertvolle Quelle. Der Titel steht auch stellvertretend für die Haltung seines Bruders Jakob, der bis zu seinem Tod ebenfalls nie aufgegeben hat. Sein Name ist mit sechs weiteren Mitgliedern der Lechleiter-Widerstandsgruppe in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde verewigt.
Michael Ehmann
Quellen
LASP
H 91, Nr. 6937
Gestapo-Akte Gustav Süss
BArch
R 3017/33090
Strafprozess gegen Georg Lechleiter u.a.
Horsch, Jutta. Briefe und Fotos, Privatbesitz.
Ehmann, Michael. Um 5.04 Uhr war das Urteil ohne Zwischenfall vollstreckt. In Heidelberg Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 2024. Heidelberg, 2023.
Faulhaber, Max. Aufgegeben haben wir nie … Erinnerungen aus einem Leben in der Arbeiterbewegung. Marburg, 1988.
Voßke, Heinz. Geschichte der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde, Berlin 1982.
Oppenheimer, Max. Der Fall Vorbote, Frankfurt, 1969.



