Georg Lechleiter

Kurzbiografie

Name, Vorname: Lechleiter, Georg
Geburtsdatum: 14.4.1885
Geburtsort: Appenweier im Ortenaukreis
Beruf: Schriftsetzer
Einlieferungsdatum: 15.9.1942
Einlieferungsnummer: 63_1942
Todesursache: Hinrichtung
Vorgeworfenes Vergehen: Hochverrat, Feindbegünstigung, Zersetzung der Wehrkraft, Verbreitung ausländischer Rundfunksendungen

Georg Lechleiter wurde am 14. April 1885 als eines von zehn Kindern von Georg Lechleiter und Theresia Lechleiter, geb. Wiedemer, in Appenweier in Baden im heutigen Ortenaukreis geboren. Er stammte aus einer katholischen Kleinbauernfamilie, der Vater arbeitete daneben als Schuhmacher.

Bis 1900 besuchte er die Volksschule in Appenweier. Auf Wunsch seiner Familie hätte er katholischer Priester werden sollen, aber er brach das Priesterseminar nach kurzer Zeit ab und machte stattdessen in der nahen Kleinstadt Oberkirch bei der Druckerei Sturm eine Lehre zum Schriftsetzer. Nach Abschluss der Lehre arbeitete er für mehrere Jahre als Schriftsetzer und Buchdrucker in Bretten, St. Blasien und Emmendingen. 1912 zog er in die Schweiz, wo er sich bis 1918 unter anderem in Chur und Davos arbeitete. Durch den Aufenthalt in der Schweiz gelang es ihm, sich der Einberufung als Soldat im Ersten Weltkrieg zu entziehen.

Am 11. November 1930 heiratete Lechleiter in Mannheim die drei Jahre ältere Anna „Anni“ Lechleiter, geb. Häberli, verw. Lüthi, aus der Schweiz. Diese hatte aus einer ersten Ehe mit einem Bahnarbeiter einen Sohn, Jakob „Jaques“ (* 1911), den Georg Lechleiter adoptierte, und der den Namen seines Stiefvaters annahm. 

Bereits 1912 war er in der Schweiz der dortigen Sozialdemokratischen Partei beigetreten und blieb dort, bis er zurück nach Deutschland ging, Mitglied. 1918 trat er zuerst der USPD bei, ab 1919 dann der KPD, für die er mit anderen im gleichen Jahr eine KPD-Ortsgruppe in Mannheim gründete. Beruflich begann er 1921/22, eine Buchhandlung für sozialistische Literatur zu leiten. 1922 wurde er für die KPD in den Gemeinderat gewählt. 

Quelle: GLA 521 Nr. 8501

In den frühen Zwanzigern begann er auch, als Redakteur für die kommunistische „Arbeit-Zeitung“ in Mannheim zu schreiben. 1923 wurde er wegen eines Artikels wegen der Beleidigung von Polizeibeamten zu einer (inflationsbedingt sehr hohen) Geldstrafe von 150.000 Reichsmark, ersatzweise einer Woche Gefängnis verurteilt, wenig später wegen eines anderen Artikels wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu 13 Monaten Festungshaft, die er in Gollnow, in der Nähe von Stettin verbüßte.

Nach der Haft kehrte er nach Mannheim zurück, arbeitete als hauptamtlicher KPD-Sekretär, engagierte sich weiterhin im Gemeinderat und wurde 1925 auch für die KPD in den badischen Landtag gewählt, dem er bis 1933 angehörte. Ab 1932 wurde er Fraktionsvorsitzender, zugleich arbeitete er als „Instrukteur“ der KPD für den Bereich Südbaden.

Mit Beginn der Kanzlerschaft Adolf Hitlers verschärfte sich die Situation für Mitglieder der KPD. Bereits wenige Stunden nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 wurde eine Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat (Reichstagsbrandverordnung) erlassen, die Grundrechte außer Kraft setzte und es den Nationalsozialisten ermöglichte, ihre politischen Gegner beinahe ohne rechtliche Einschränkungen zu verfolgen. 

Im Rahmen der Verhaftungswellen wurde im März 1933 auch Lechleiter in „Schutzhaft“ genommen, wobei bei der Verhaftung auch seine Bibliothek durch die Gestapo eingezogen wurde. Er wurde erst in das neu gegründete Konzentrationsleiter Ankenbuck in der Nähe von Donaueschingen, ab 1934 in das Konzentrationslager Kislau verlegt. Erst 1935 kam er, ohne dass es je eine rechtskräftige Verurteilung gegeben hätte, nach Abgabe einer erzwungenen Loyalitätserklärung frei.

Lechleiter Portrait
Quelle: Marchivum_AB01838-045

Als Lechleiter 1935 nach Mannheim zurückkehrte, waren die Parteistrukturen KPD zerschlagen. Sein Adoptivsohn, der die Jugendgruppe der Mannheimer KPD geleitet hatte, war im März 1933 als gebürtiger Schweizer des Landes verwiesen worden. 

Zusammen mit Jakob Faulhaber und Rudolf Langendorf machte sich Georg Lechleiter daran, wieder eine Organisation zu schaffen, und übernahm die Führung der Untergrund-KPD im Bezirk Nordbaden/ Pfalz. Da die KPD inzwischen verboten war, waren Aktionen und Treffen gefährlich und mussten im Geheimen oder unter Vorwänden abgehalten werden. Man sammelte etwa Gelder für Angehörige politischer Gefangener („Rote Hilfe“) oder traf sich im Wald zu politischen Diskussionen. 

Als bekannter Kommunist und Rückkehrer aus dem KZ tat sich Lechleiter schwer, eine Anstellung zu finden. Zwischen 1935 und 1939 war er oft arbeitslos oder arbeitete als Notstands- oder Hilfsarbeiter für die Stadt Mannheim im Tiefbau. Erst 1939 fand er wieder Anstellung als Schriftsetzer bei einer Druckerei.

Mit dem Angriff des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion im Jahre 1941 verstärkte sich die Untergrund-Tätigkeit der KPD. Faulhaber und Lechleiter trafen sich mit dem Ziel, das „Stärkebewusstsein“ der Arbeiter zu fördern und gegen das nationalsozialistische Regime vorzugehen. Das Mittel der Wahl war die Herausgabe einer Zeitung, „Der Vorbote“. Bei der Herstellung und Verbreitung waren nicht nur ehemalige KPD-Mitglieder, sondern auch Sozialdemokraten und Parteilose involviert. 

Lechleiter übernahm wegen seiner journalistischen Erfahrung das Schreiben fast aller Artikel, Faulhaber die technische Leitung. Anhand von Informationen aus der deutschen Presse, aber auch dem ausländischen Rundfunk, den Lechleiter illegal hörte, sollten die Leser auf je vier bis 13 Seiten über die wahre Situation im militärischen, politischen und wirtschaftlichen Bereich aufgeklärt werden, aber auch Hinweise für die Arbeit im Illegalen erhalten. Parole der „Informationsschrift“ war „Kampf gegen die Nazi-Herrschaft, gegen den Krieg, für den Frieden, für Freiheit und Brot, für ein Sowjet-Deutschland!“ 

Die Zeitung wurde in Privathäusern heimlich mithilfe eines Matrizendruckers vervielfältigt und sollte nach dem Willen Lechleiters und seiner Mitstreiter nur innerhalb der bestehenden kommunistischen Zellen in den Betrieben in Mannheim und der Umgebung verbreitet werden. 

Die erste Auflage erschien im September 1941, drei weitere Auflagen folgten, wohl mit einer Auflage von bis zu 200 Exemplaren. Kurz bevor im Februar 1942 die fünfte Auflage herauskommen sollte, flog die Gruppe auf – es waren mehrere Exemplare der Zeitung gefunden worden, auch hatte ein KPD-Mitglied die Zeitung seinem Vorarbeiter, der Mitglied bei der SS war, gezeigt, in der Hoffnung, diesen für die kommunistische Sache zu gewinnen. 

31 Menschen wurden in dem Zusammenhang mit dem „Vorboten“ und der „Lechleiter-Gruppe“ ab dem 26. Februar 1942 durch die Gestapo verhaftet. Noch im Gefängnis starben drei der Angeklagten, angeblich durch Selbstmord. In zwei Prozessen wurden später die Festgenommenen durch den zweiten Senat des Volksgerichtshofs verurteilt.

Für Georg Lechleiter lautete die Anklage auf Vorbereitung zum Hochverrat, Feindbegünstigung, Zersetzung der Wehrkraft und Verbreitung ausländischer Rundfunksendungen. Zusammen mit 13 Mitangeklagten wurde er am 15. Mai 1942 zu Tode verurteilt, wobei das Gericht auch bei den Angeklagten, die nur mittelbar zur Verbreitung der Zeitung beigetragen oder diese lediglich besessen und gelesen hatten, die Höchststrafe wählte.

Über mehrere Monate saß er noch im Gefängnis in Mannheim, bis er in den Morgenstunden des 15. September 1942 im Alter von 57 Jahren in Stuttgart durch das Fallbeil hingerichtet wurde. In einem letzten Brief an seine Ehefrau am Abend zuvor zeigte er sich kämpferisch und schrieb: „Ein Mensch, der nicht fähig ist, sich für eine Idee aufzuopfern, gleich welcher Art, ist in einem höheren Sinne kein Mensch. Ich tat das mit meinen Freunden, was erst den Menschen ausmacht – leiden für eine Idee.“

Noch am selben Tag wurden die sterblichen Überreste von Lechleiter und den anderen Hingerichteten der Anatomie in Heidelberg überstellt. Nach einem halben Jahr wurde der Körper Lechleiters eingeäschert und die Asche anonym auf dem Bergfriedhof in Heidelberg verscharrt. 

Nach Kriegsende erfolgte am 22. Juli 1950 ein feierliches Wieder-Begräbnis für die Überreste der Toten aus dem kommunistischen und sozialdemokratischen Widerstand rund um Georg Lechleiter. In der Folge wurde auf dem Bergfriedhof eine Gedenkstele errichtet. Auch in Mannheim erinnern seit 1945 ein Platz und seit den 1980ern ein Denkmal an den Widerstandskämpfer und seine Gruppe. 

Judith Sophie Babette Kemp

Stolperstein Lechleiter
Quelle: Marchivum

Quellen

BArch

R 3017/33090  

GLA

362 Nr. 7666    

508-2 Nr. 2244  

521 Nr. 8501

Marchivum

Druckschriften Digital, Der Vorbote, https://druckschriften-digital.marchivum.de/zd/periodical/calendar/713881?d=1941,  aufgerufen am 01.04.2026

Borgstedt, Angela; Thelen, Sibylle; Weber, Reinhold (Hrg). Mut bewiesen. Widerstandsbiographien aus dem Südwesten. Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs. Stuttgart, 2017.

Bosch, Michael; Niess, Wolfgang (Hrg.). Der Widerstand im deutschen Südwesten 1933-1945. Stuttgart, 1984.

Matthias, Erich. Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Mannheim. Mannheim 1985.

Salm, Fritz. Im Schatten des Henkers. Widerstand in Mannheim gegen Faschismus und Krieg. Frankfurt am Main, 1979.

Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden Württemberg (ZSL), Materialien und Medien zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Mannheim. Arbeitsblatt Ab6a zu Georg Lechleiter. https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/gesellschaftswissenschaftliche-und-philosophische-faecher/landeskunde-landesgeschichte/module/bp_2016/nationalsozialismus_und_zweiter_weltkrieg/widerstand-gegen-den-nationalsozialismus-in-mannheim/ab6a.pdf, aufgerufen am 14.03.2026.
LeoBW. Lechleiter, Georg. https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/PERSON/kgl_biographien/1012568946/Lechleiter, aufgerufen am 20.02.2026.

Kurzbiografie

Name, Vorname: Lechleiter, Georg
Geburtsdatum: 14.4.1885
Geburtsort: Appenweier im Ortenaukreis
Beruf: Schriftsetzer
Einlieferungsdatum: 15.9.1942
Einlieferungsnummer: 63_1942
Todesursache: Hinrichtung
Vorgeworfenes Vergehen: Hochverrat, Feindbegünstigung, Zersetzung der Wehrkraft, Verbreitung ausländischer Rundfunksendungen

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