„Meine Lieben Alle. Noch einmal und zum letzten Mal will ich euch schreiben; wenn ihr diesen Brief erhaltet, hat mein Leben aufgehört. Gerne möchte ich euch noch vieles sagen. Die Sonne sehe ich nicht mehr aufgehen, aber für euch geht sie bestimmt noch auf …“.
Mit diesen am letzten Tag seines Lebens verfassten Zeilen verabschiedete sich der Widerstandskämpfer Marcel Stoessel vor seiner Hinrichtung von seinen Liebsten.
Er wurde am 13. September 1904 in Mulhouse, Département Haut-Rhin, geboren. Später wurde er Kranführer. Im Jahre 1927 heirateten er und Marie Madeleine, geb. Jaegele. Das Paar bekam zwei Kinder: den 1927 geborenen Sohn Marcel und einen zweiten Sohn, Roger, der 1938 auf die Welt kam. In seiner Freizeit war Stoessel im örtlichen Arbeitersportverein „Solidarité“ aktiv und leitete dort die Bereiche Kunstradfahren sowie Radball. Abgesehen davon, dass er 1936 Sprecher bei einem Streik der Textilfirma Schaeffer war, ist über seine politische Aktivität vor 1940 wenig bekannt.
Im Herbst 1941 kam er durch René Kern, der ebenfalls Mitglied im Arbeitersportverein war, in Kontakt mit der französischen Résistance. Kern war Aktivist in der „Groupe Wodli“ einer Widerstandsorganisation unter Leitung des internationalen Delegierten der illegalen Kommunistischen Partei für Elsass und Lothringen, Georges Wodli. Stoessel wurde schließlich Mitglied der Wodli-Gruppe, in der er unter dem Decknamen „Louis“ agierte. Er leistete Aufklärungsarbeit gegen das NS-Regime und dessen Besetzung des Elsass. Dazu organisierte er Schreibmaschinen, verfasste Flugblätter, die er drucken und verteilen ließ. Im November 1941 nahm der Widerstandskämpfer außerdem Kontakt zu Valentin Kaess, einem ehemaligen sozialistischen Aktivisten und Résistance-Kämpfer, auf, den er mit der Weiterverbreitung der Gewerkschaftszeitschrift „Der freie Gewerkschafter“ und des Zentralorgans der illegalen Kommunistischen Partei, „L’Humanité“, beauftragte. Der verfolgte Georges Wodli fand zudem mehrfach Zuflucht bei der Familie Stoessel.
Am 12. Mai 1942 wurde Stoessel, wie auch weitere Mitglieder der Wodli-Gruppe an diesem Tag, an seinem Arbeitsplatz verhaftet und anschließend zunächst in Mannheim inhaftiert. Die folgende Durchsuchung seines Hauses blieb ergebnislos, was die Gestapo jedoch nicht davon abhielt, ihn am 31. Juli 1942 im „Bunker“ des „Sicherungslagers“ Schirmeck-Vorbruck (Schirmeck La-Broque) zu internieren. Von den acht hier dokumentierten Mitgliedern der Wodli-Gruppe, war Stoessel damit der letzte, der in dem „Sicherungslager“ inhaftiert wurde. Etwa ein dreiviertel Jahr später, am 19. März 1943, standen die Widerstandskämpfer Marcel Stoessel, René Kern, Alphonse Kunz und Édouard Schwarz als Angeklagte vor dem Volksgerichtshof in Strasbourg, der unter der Leitung Roland Freislers tagte. Die vier Mitglieder der Wodli-Gruppe wurden alle wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und landesverräterischer Feindbegünstigung“ zum Tode verurteilt.
Am Vorabend ihrer Hinrichtung, nachdem ihnen noch einmal das Urteil im Beistand der Pfarrer Eichele und Dogomalla verlesen worden war, erhielten die vier die Möglichkeit, einen Abschiedsbrief zu verfassen. Stoessel richtete seine letzten Worte an seine Familie. Die Zeilen an seinen ältesten Sohn deuten an, dass Stoessel seinen Einsatz für den französischen Widerstand nicht bereute: „Lieber Marcel, du brauchst dich nicht schämen wegen dem Tod deines Vaters, ich schäme mich auch nicht, auch musst du nicht zu traurig sein, denn ich bin von vielen Qualen befreit.“ Zum Schluss verabschiedete er sich ein letztes Mal von seinen Liebsten: „Liebe Maria, lieber Marcel, lieber Roger, zum letzten Mal: lebet wohl, es grüßt und küsst euch von Herzen euer geliebter Vater und Ehe-Kamerad Marcel. […] Die letzten Grüße und Gedanken gelten Dir [Maria] und meinen Kindern.“ Wie dieser Abschiedsbrief erhalten blieb und überhaupt in den Besitz der Familie Stoessel kam, ist unbekannt. Denn der erwähnte Pfarrer Eichele berichtete 1946, dass die Briefe der zum Tode Verurteilten nach deren Hinrichtung für gewöhnlich verbrannt wurden. Somit ist der von Marcel Stoessel geschriebene Abschiedsbrief eines der wenigen Exemplare, das von hingerichteten Résistance-Mitgliedern erhalten ist.
Stoessel wurde am nächsten Morgen, dem 29. Juni 1943, im Lichthof des Landgerichts Stuttgart mit der Guillotine hingerichtet. Seine Leiche wurde noch am selben Tag unter der Leichenjournal-Nummer 57/43 in die Anatomie der Universität Heidelberg eingeliefert. Er hinterließ seine Ehefrau Jeanne sowie die fünf und 16 Jahre alten Söhne. Im Gegensatz zu den anderen Mitgliedern der Wodli-Gruppe, die ebenfalls für die medizinische Ausbildung in der Universität Heidelberg abgeliefert wurden, wurde Marcel Stoessels Asche nicht auf dem Bergfriedhof in Heidelberg beigesetzt. Stattdessen wurde die Urne der Familie zur Bestattung auf dem Friedhof in Mulhouse-Dornach, seiner Heimatgemeinde, übergeben. Dazu kam es nur deshalb, weil Zeugen aussagten, dass der Ermordete, Mitglied der kommunistisch geprägten Wodli-Gruppe, kein Kommunist gewesen wäre. Daher fehlt Stoessels Name auf der Gedenktafel auf dem Bergfriedhof in Heidelberg an dem Massengrab, in dem die sieben anderen Mitglieder der Wodli-Gruppe beigesetzt wurden. Im März 2019 sprach sein Sohn Roger Stoessel im Rahmen einer Veranstaltung zur NS-Justiz in Stuttgart über die Geschichte seines Vaters, „der das Leben und die Bedingungen der Arbeiterklasse voranbringen wollte. Marcel Stoessel und seine Mitstreiter haben mit dem Leben dafür bezahlt, dass sie sich nicht unterwerfen wollten“. Der Résistance-Kämpfer wäre davon überzeugt gewesen, dass „nach ihm mehr Freiheit, mehr Gleichheit, mehr Brüderlichkeit kommen werden.“
Angelina Baudach in Zusammenarbeit mit Familie Brändle
Quellen
Abschiedsbrief von Marcel Stoessel, Bearbeitung Brigitte und Gerhard Brändle, 2018.
Neveu, Céderic, & Forthoffer, Joel. WODLI Georges, In: Fontaine, Thomas, Cheminots victims de la répression, Paris: Perrin/SNFC/Rails et histoire, 2017.
Kontext: Wochenzeitung. Brändle. Gerhard, & Brändle, Brigitte (27. Juni 2018). „Die Sonne sehe ich nicht mehr aufgehen…“. https://www.kontextwochenzeitung.de/zeitgeschehen/378/die-sonne-sehe-ich-nicht-mehr-aufgehen-5171.html, aufgerufen am 01.04.2026.
Kontext: Wochenzeitung. Röttgers, Joachim (13. März 2019). Die schönsten Blumen für den Vater. https://www.kontextwochenzeitung.de/fileadmin/_migrated/news_uploads/Resistance_jr_190307_0458.jpg, aufgerufen am 01.04.2026.
Le Maitron. Dictionnaire biographique. Strauss, Leon.
Stoessel, Marcel. https://fusilles-40-44.maitron.fr/stoessel-marcel/, aufgerufen am 01.04.2026.
Le Maitron. Dictionnaire biographique. Strauss Leon, Ribeill Georges.
Wodli Georges, Charles. https://fusilles-40-44.maitron.fr/wodli-georges-charles-parfois-ecrit-vodli-pseudonymes-martin-ou-jules-ou-berger-charles/, aufgerufen am 01.04.2026.
Le Maitron. Dictionnaire biographique. Tinelli, Léon.
Kaess, Valentin. https://maitron.fr/kaess-valentin-francois-valentin/, aufgerufen am 01.04.2026.

