Franz Ludwig Fischer

Kurzbiografie

Name, Vorname: Fischer, Ludwig
Geburtsdatum: 8.10.1889
Geburtsort: Kailbach
Beruf: Tiefbauarbeite, Landwirtschaftlicher Arbeiter
Einlieferungsdatum: 14.1.1942
Einlieferungsnummer: 30_1942
Todesursache: Kislau
Vorgeworfenes Vergehen: Betteln

„Es handelt sich bei Fischer um einen haltlosen und verbummelten Menschen, bei dem eine innere Wandlung zum Guten auch heute noch nicht festzustellen ist. Er bietet nicht die Gewähr dafür, daß er sich künftighin in der Freiheit gesetzmäßig führen und ein brauchbares Glied der Volksgemeinschaft werden wird“. Der so als Häftling des Arbeitshauses Kislau beschriebene Franz Ludwig Fischer war als „Spezialist im Kleider- und Wäschebetteln“ insgesamt drei Mal dort inhaftiert. Das dritte Mal überlebte er nicht.

Fischer wurde am 8. Oktober 1889 in Kailbach, Kreis Erbach in Hessen, als einziger Sohn von Anna Maria, geb. Kaiser und Franz Ludwig Fischer geboren. Seine Mutter verstarb bereits als er sechs Jahre alt war an einer Lungenentzündung. Seit der Vater alleinerziehend wurde, „war das Kind viel sich selbst überlassen“, wie es Jahrzehnte später Pfarrer Schachner des katholischen Pfarramts Hesselbach ausdrückte. Zudem war sein Vater schwerhörig. Er starb im Jahr 1924 an einem Schlaganfall. Fischer war katholischen Glaubens, besuchte auch regelmäßig den Gottesdienst und blieb bis zu seinem Lebensende ledig.

Als er 15 Jahre alt war, verließ Fischer die Schule in Kailbach als „mittelmäßiger Durchschnittsschüler“ und begann, im Wald als Holzfäller zu arbeiten. Über eine Lehre oder berufliche Ausbildung ist nichts bekannt. Fischer selbst gab 1938 an, von Beruf Tiefbauarbeiter zu sein, war jedoch einige Male als landwirtschaftlicher Arbeiter angestellt gewesen. Während des Ersten Weltkriegs diente er von November 1915 bis Dezember 1916 beim 87. Infanterie-Regiment. In dieser Zeit erlitt er einen Oberarmdurchschuss auf der linken Seite. Im Anschluss an seinen Wehrdienst wurde ihm das Eiserne Kreuz zweiter Klasse verliehen. Laut dem Pfarramt seiner Heimatgemeinde hatten die Kriegserfahrungen Fischer verändert: „Erst nach dem Kriege […] war er etwas anormal. Vielleicht hat er sich die Sache [Fischer war zum Zeitpunkt des Schreibens zum ersten Mal im Arbeitshaus Kislau inhaftiert und mehrfach vorbestraft, d. Vf.] im Kriege geholt“. Drei Jahre nach seiner Demobilisierung wurde Fischer erstmals straffällig wegen Unterschlagung. Bis zum Jahre 1941 folgten 13 weitere polizeiliche sowie zwei gerichtliche Vorstrafen unter anderem wegen Bettel, Diebstahl, Betrug und Landstreicherei. Am 11. November 1933 wurde er schließlich wegen Bettel durch das Amtsgericht Darmstadt zu sechs Wochen Haft und anschließenden sechs Monaten „korrektioneller Nachhaft“ im Arbeitshaus Kislau verurteilt. Ein Jahr zuvor war er wegen „Geistesschwäche“ vom Amtsgericht Boerfelden entmündigt worden – in einem Jahre später erstellten gerichtsärztlichen Gutachten des Amtsgerichts Mannheim ist von einer „schizoiden Persönlichkeit“ die Rede.

Als zur Zeit der ersten Inhaftierung in Kislau die Frage nach einer vorzeitigen Entlassung aufkam, wurde über ihn noch milde geurteilt: „Das Vorleben des Mannes ist nicht derart, dass man auf seine Unverbesserlichkeit schießen könnte. Seine geringen Vorstrafen sind von unbedeutender Natur.“ Dennoch sollte er „zu seiner gründlichen Besserung die ganze Strenge des Strafvollzugs auskosten“. Von diesem Vorsatz wurde später abgelassen und Fischer am 30. April 1934 – elf Tage früher als geplant – nach Eberbach entlassen. Bis November 1936 war der Arbeiter bei wechselnden Firmen angestellt, bevor er ohne festen Wohnsitz und Arbeit umherzog. Im Juni 1937 wurde Fischer in zunächst in Mannheim und später erneut in Heidelberg wegen „Bettels und Nichtnachkommens der Unterkommensauflage“ festgenommen und jeweils für wenige Tage inhaftiert. Nach der Entlassung kehrte er erneut nach Mannheim zurück und bestritt seinen Lebensunterhalt durch Bettel. Dabei fiel er den Polizeibeamten, die das dortige Reichswanderheim überwachten „schon jahrelang als unverbesserlicher und raffinierter Bettelspezialist“ auf. Am 9. Dezember 1937 wurde er wegen Bettel und Landstreicherei vom Amtsgericht Mannheim zu sechs Wochen Haft abzüglich vier Wochen Untersuchungshaft sowie anschließender Unterbringung in einem Arbeitshaus „auf unbestimmte Zeit“ verurteilt. Die wiederholte Inhaftierung im Arbeitshaus wurde damit begründet, dass „die zwangsweise [erste] Unterbringung beim Angeklagten keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat“. Außerdem hatte ein „sachverständiger Gefängnisarzt“ die Einschätzung des Amtsgerichts bestätigt, dass Fischer selbst nicht mehr die notwendige Kraft aufbringen konnte, um „einer geordneten Arbeit nachzugehen und sich an ein gesetzmäßiges und geordnetes Leben zu gewöhnen“.

Personenbeschreibung Fischer
Quelle: GLA 521 Nr. 1814
Unfall-Anzeige_Fischer
Quelle: GLA 521 Nr. 1814

So wurde er am 23. Dezember 1937 erneut in das Arbeitshaus Kislau gebracht – bis zum 27. September 1938 wurden keine Auffälligkeiten dokumentiert. An jenem Tag erlitt der Arbeitshausinsasse während der Arbeit im anstaltseigenen Landwirtschaftsbetrieb einen Unfall, der zu einer „stark dislozierten Fraktur der linken Tibia [Bruch des Schienbeins, bei dem die Bruchenden gegeneinander verschoben sind, d. Vf.]“ führte. Fischer selbst soll unmittelbar nach dem Unfall gesagt haben: „Ich glaube mein Bein ist ab“. Infolge seiner Verletzung wurde er für mehrere Wochen zunächst im Fürst Stirum Hospital in Bruchsal, dann im Anstaltskrankenhaus in Kislau behandelt. Trotz zwischenzeitlicher Entlassung kam es Mitte Januar 1939 zur Überweisung in das Hauptkrankenhaus des Landesgefängnisses Mannheim, „da es dem Fischer Ludwig offensichtlich an Willen fehlt, durch Gehübungen sein […] gebrochenes Bein wieder funktionsfähig zu machen (Rentensucht!)“. Ende April galt er wieder als arbeitsfähig, jedoch nur für leichtere Arbeiten. Ab September häuften sich hauspolizeiliche Strafen, darunter Arrest- und Hungerstrafen, wegen Tabakbesitzes und frechen Benehmens gegenüber den Beamten.

Obwohl zuvor noch in Frage gestellt wurde, ob „Fischer sich in der Freiheit behaupten kann“ wurde er mit der Bescheinigung einer Erwerbsminderung von 15 Prozent am 21. Oktober 1940 unter Auflagen entlassen. Zu diesen zählte, dass er sich in Friedrichsdorf aufhalten und im Sägewerk Karl Münch, seinem früheren Arbeitgeber, arbeiten musste. Münch war es auch, der Fischers bedingte Entlassung mit dem Angebot der Arbeitsstelle samt Kost und Logis erwirkt hatte. Infolge von Beschwerden Münchs über „schlechte Führung und […] geringe Arbeitsleistung“ widerrief der Generalstaatsanwalt Karlsruhe am 20. Oktober 1941 die bedingte Entlassung, sodass er am 5. November 1941 zum dritten Mal in das Arbeitshaus Kislau eingeliefert wurde.

Auch diesmal fiel er durch schlechte Führung auf, wie mehrere hauspolizeiliche Strafen belegten. Am Morgen des 13. Februar 1942 wurde Fischer regungslos in seiner Arrestzelle aufgefunden, in der er eine zweiwöchige Strafe wegen „Tabakschiebung und unerlaubtem Verkehr mit polnischen Strafgefangenen“ verbüßte. Noch am Vortag wurde dokumentiert, dass der Gefangene keine Auffälligkeiten gezeigt hätte. Um 10:30 Uhr verstarb Ludwig Fischer im Anstaltskrankenhaus Kislau nach erfolglosen Therapieversuchen an „allgemeiner Entkräftung“. Die Bestattung wurde von seinem Vormund Georg Schäfer abgelehnt, sodass der Leichnam der Gemeinde Mingolsheim überstellt wurde, deren Bürgermeister die Einlieferung in die Anatomie der Universität Heidelberg veranlasste. Am 14. Dezember 1942 wurde Fischer dort mit der Leichenjournal-Nummer 30 verzeichnet.

Angelina Baudach

Quellen

GLA 

521 Nr. 1814

Bundesministerium für Verteidigung. Gespräche am Ehrenmal: Die Bedeutung des Eisernen Kreuzes gestern und heute. https://www.bmvg.de/de/aktuelles/gespraeche-am-ehrenmal-die-bedeutung-des-eisernen-kreuzes-5225530, aufgerufen am 30.4.2026.

Kurzbiografie

Name, Vorname: Fischer, Ludwig
Geburtsdatum: 8.10.1889
Geburtsort: Kailbach
Beruf: Tiefbauarbeite, Landwirtschaftlicher Arbeiter
Einlieferungsdatum: 14.1.1942
Einlieferungsnummer: 30_1942
Todesursache: Kislau
Vorgeworfenes Vergehen: Betteln

Zur Leichenjournal Transkribierung dieser Biografie:

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