Leo Keller wurde am 11. September 1896 in Neuweiher bei Bühl geboren. Leo hatte sieben Geschwister. In der Schule hatte er Schwierigkeiten und blieb offenkundig einmal sitzen. Nach der Schule arbeitete zum Teil bei den Eltern in der Landwirtschaft und als Tagelöhner bei Maurern. 1915 wurde er ins Militär eingezogen und diente beim Infanterie Regiment 109, bis er 1918 an Typhus und einer Genickstarre erkrankte. Danach kam Keller erst in die Genesungskompanie und dann zurück ins Feld. Nachdem er 1919 aus dem Militär entlassen worden war, zog er nach Baden-Baden und nahm er seine Tätigkeit als Maurer wieder auf. 1922 heiratete er eine Frau, die eine Lungenerkrankung hatte. Sie bekamen vier Kinder, von denen zwei in ihrem ersten Lebensjahr starben. Die anderen beiden wurden circa 1924 und 1926 geboren.
Im Frühling 1920 erkrankte Keller an der europäischen Schlafkrankheit, encephalitis lethargica. Eine Epidemie dieser Krankheit brach in Europa in den Jahren 1920 und 1921 aus. Letzte Fälle wurden in den 1930er Jahren dokumentiert. Erste Symptome waren Schläfrigkeit, Doppelsehen, Delirium und diffuse Schmerzen. Die Mortalitätsrate lag bei 50 Prozent. Der Großteil der Überlebenden hatte danach permanente neurologische Schäden und entwickelte direkt folgend bis zu Jahre später Symptome wie bei einer Parkinson-Erkrankung. Keller war 14 Tage bettlägerig und einen Monat lang abnorm schläfrig. Im Herbst 1924 begann er im rechten Arm zu zittern, und seine Bewegungen wurden langsamer. Seit 1927 hatte er erhöhten Speichelfluss, ab 1928 wurde sein Sprechen undeutlicher, und 1929 begann er im rechten Bein zu zittern. Er war nicht mehr arbeitsfähig und erhielt ab 1924 eine Invalidenrente. Um diese aufzubessern, hatte er einen Obststand und verkaufte im Winter Kurzwaren als Hausierer. Seine Frau arbeitete als Büglerin, bis sie spätestens 1930 wegen ihrer Lungenerkrankung bettlägerig wurde. Beide hatten Schwierigkeiten, sich um den Haushalt zu kümmern, weshalb eine Nachbarin Essen für die Familie zubereitete.
1922 stahl Keller aus dem Bauhof, bei dem er angestellt war, drei Zentner Eisen. Er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. 1924, 1927, 1928 und 1929 wurde er wegen Gelegenheitsdiebstählen und Betteln verurteilt. Laut einem ärztlichen Gutachten von 1930 war er dreimal auch wegen Sexualdelikten vorbestraft.
Im September 1930 beging er ein Sexualdelikt an einem Kind. Bezirksarzt Dr. Walther fertigte danach ein Gutachten an, in dem er empfahl, Keller in einer Anstalt unterzubringen, da er „infolge seiner geistigen und moralischen Minderwertigkeit zweifellos eine Gefahr für seine Umgebung“ darstelle, „vor allem auch deshalb, weil sein Leiden im Fortschreiten begriffen ist“. Aufgrund seiner Erkrankung sah Walther Keller als minderwertig an und ging davon aus, dass Verbrechen von ihm zu erwarten sind. Damit versuchte er, Menschen mit Parkinson zu entmenschlichen. Weiterhin machte er Keller nicht für sein eigenes Handeln verantwortlich. Anstelle einer Gefängnisstrafe kam er in die Heil- und Pflegeanstalt Illenau.
Keller kam am 4. Oktober 1930 in der Anstalt an. Er hatte starke Schwierigkeiten, sich zu bewegen, mit der Aussprache und zitterte stark. In seiner Krankenakte wird er als „Mittelgroßer Mann, sehr schmächtigem Körperbau […] und schlechtestem Ernährungszustand“ beschrieben. Als er auf sein Verbrechen angesprochen wurde, zeigte er sich laut Krankenakte vollkommen uneinsichtig: „Er habe dabei nichts gedacht, er meinte, dies sei erlaubt, da er [es] aus Spaß getan habe“
Am 22. November 1934 hatte er hohes Fieber. Keller starb am 23. November um 3 Uhr morgens.
Sein Leichnam wurde dem Anatomischen Institut mit der Eingangsnummer 131 des Jahres 1934 in Heidelberg übergeben.
Amon Leven
Quellen:
LABW, StAF
B 821/2 8507 Keller, Leo, geb. 1896.
Foley, Paul. Encephalitis Lethargica. The Mind and Brain Virus. New York, 2018.


