Aus dem Bericht eines Gestapo-V-Mannes: „XX. komm. Vertrauensmann (Leiter der Lanzzellen) als Metallarbeiter – wahrscheinlich in einer Dreherei – beschäftigt bei Lanz, Mannheim, etwa 40 Jahre alt, Kriegsinvalide 1914-1918, näheres nicht bekannt, Kennzeichen: auffallende wahrscheinlich chronische Heiserkeit, gross und schlank. War schon vor 1933 Betriebsfunktionär bei Lanz. Hat regelmässige Treffpunkte mit Lechleiter und erhält von ihm Druckschriften. Ausserdem ist anzunehmen, dass er laufend bei Gleichgesinnten in den Lanzwerken Geldsammlungen für den Kampffond der KP. durchführt.“ Mit dem Bericht beschreibt der in die Lechleiter-Widerstandsgruppe eingeschleuste V-Mann Ludwig Moldrzyk sehr präzise. Moldrzyk wird dieser Hinweis am 15. September 1942 das Leben kosten.
Valentin Ludwig Moldrzyk wurde am 14. Februar 1899 in Wald-Michelbach als Sohn des Friseurs Valentin Moldrzyk und dessen Ehefrau Therese, geb. Mannheimer, geboren. Den Vater beschreibt er später bei den Gestapo-Verhören als „Deutschpolen“, die Mutter als „Volljüdin“.
Nach eigenen Bekundungen war er ein guter Schüler. Nach seinem Volksschulabschluss arbeitete er ab 1917 bei der Firma Lanz AG in Mannheim. Im gleichen Jahr wurde Moldrzyk zum Kriegsdienst eingezogen und diente als Soldat an der „Westfront“. Dort wurde er durch eine Granate verwundet und erlitt eine schwere Gasvergiftung, die ihn zeitlebens beeinträchtigte. Unter anderem litt er an einer Lähmung der Stimmbänder mit chronischer Heiserkeit, über die der V-Mann in seinen Ausführungen berichtete.
1925 heiratete Ludwig Moldrzyk seine Frau Dina Christina Amalia, geborene Volz (1901-1985). Dina war ebenfalls als Arbeiterin beschäftigt. Das Paar wohnte in der Mannheimer Rosenstraße 43.
1930 wurde Ludwig Moldrzyk Mitglied der KPD und der Roten Hilfe. Drei Jahre später, im April 1933, wurde er wegen seiner KPD-Mitgliedschaft in sogenannte „Schutzhaft“ in die Konzentrationslager Heuberg und Ankenbuck genommen. In Ankenbuck lernte er Georg Lechleiter und weitere Mitglieder der späteren Lechleiter-Widerstandsgruppe kennen. Nach der Entlassung aus dem KZ Ankenbuck bekam Moldrzyk nach einer Übergangszeit als Hilfsarbeiter erneut eine Anstellung als Fräser bei der Firma Lanz AG in Mannheim.
Josef, der vier Jahre jüngere Bruder von Ludwig Moldrzyk, war ebenfalls ein aktiver Gegner des NS-Regimes. 1936 wurde er wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 5 ½ Jahren Haft verurteilt. Davon verbüßte er 3 ½ Jahre im KZ Papenburg. Er war also einer der „Moorsoldaten“, deren unmenschlicher Häftlingsalltag 1933 in dem dort entstandenen Lied „Wir sind die Moorsoldaten“ beschrieben wird und bis heute in antifaschistischen Kreisen von großer Bedeutung ist.
Nach seiner Haftentlassung war Ludwig Moldrzyk weiterhin über die Aktivitäten von Georg Lechleiter informiert. „Bei Ausbruch des Krieges mit Russland habe ich mich dann mit Lechleiter getroffen. L. machte jetzt den Vorschlag, dass wir etwas machen.“ Moldrzyk war demnach von Anfang an über Lechleiters Idee informiert, eine regimekritische Zeitung zu erstellen. Es war seine Aufgabe, in den Betrieben Gelder für die Erstellung der Zeitung einzusammeln. Offensichtlich ist ihm das gelungen, denn der „Vorbote“ konnte mehrmals gedruckt werden.
Im Februar 1942 wurde Moldrzyk mit weiteren Mitgliedern der Lechleiter-Widerstandsgruppe verhaftet. Den Vernehmungsprotokollen der Gestapo ist zu entnehmen, dass er massiv gefoltert wurde. Heike Miehm, seine Enkelin, bestätigte dies am 7. November 2013 in der Radiosendung „SWR2 Stolpersteine“: „Meine Oma, die hätte nochmal zu ihm gedurft, als er schon verhaftet war […] dass er die Hände auf dem Rücken gehabt hat die ganze Zeit als sie sich unterhalten haben. Dass er also scheinbar schwer misshandelt wurde […] Sie nimmt an, dass er wahrscheinlich die Hände blutig geschlagen gehabt hat.“
Am 15. Mai 1942 wurde Moldrzyk durch den Volksgerichtshof in Mannheim zum Tode verurteilt. Die Todesstrafe wurde am 15. September 1942 in Stuttgart mit dem Fallbeil vollzogen. Am Abend vor seiner Hinrichtung schrieb er an seine Frau und seine Kinder Rosa, Hilde, Edith, Herbert und Doris:
„Meine liebe Frau!
Bis Du diesen Brief bekommst, bin ich nicht mehr unter den Lebenden. Du, meine liebe Frau, wirst es ja wohl jetzt begreifen, daß mein Geist auch bis zu dieser Stunde ungetrübt war.
Meine liebe Dina, ich danke Dir für alles Gute und Schöne, das ich bei Dir hatte. Es gibt wohl selten eine Frau, die trotz ihrer fünf Kinder so viel Liebe und Geduld für ihren Mann aufbringt, wie Du es in den 17 Jahren unserer Ehe aufgebracht hast. Du hättest einen anderen Lebensabend verdient. Aber die Sorge um die Kinder wird Dir, meine liebe Frau, über das Schlimmste hinweghelfen.
Jetzt zu meinen lieben Kindern: Du, liebe Rösl, als die älteste, helfe Mama über die schlimmsten Stunden hinweg. Du, meine liebe Hilde, hättest mich noch lange brauchen können. Folge immer Deiner Mama, sie meint es gut mit Dir. Du, meine liebe Dina, wirst mich wohl im Leben nie ganz vergessen können.
Nun zu meinen lieben drei Kleinen: Laßt Euch später einmal von Mama aufklären, über das Wieso und Warum meines Endes. Kinder vergessen leicht, und das ist gut so.
Also seid noch einmal herzlich gegrüßt. Ebenso alle meine Bekannten und Verwandten, insbesondere Grüße an meine beiden Brüder. Also Kopf hoch, meine über alles geliebte Frau. In diesem Sinne schließe ich. Dein Mann und Euer Vater
Die sterblichen Überreste wurden am 15. September 1942 in die Anatomie Heidelberg verbracht. Allerdings fehlt auch zu ihm der Eintrag im dortigen Leichenbuch. Mit Schreiben vom 25. August 1950 an den International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen bestätigte die Anatomie Heidelberg nachträglich den Eingang des Leichnams von Ludwig Moldrzyk am 15. September 1942.
An das Schicksal von Ludwig Moldrzyk erinnern heute Stolpersteine auf dem Werksgelände des Mannheimer Unternehmens John Deere und an seinem letzten Wohnsitz, der Rosenstraße 43 in Mannheim.
Michael Ehmann
Quellen:
BA Berlin, R 3017/33090
GLA 480, 15234
GLA 480, 2135
GLA 480, 553
Max Oppenheimer: Der Fall Vorbote, Frankfurt 1969
Michael Ehmann: „Um 5.04 Uhr war das Urteil ohne Zwischenfall vollstreckt“, in HEIDELBERG Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 2024, Heidelberger Geschichtsverein (Hg.), Heidelberg 2023
Arolsen Archives, ITS 251, DocID: 70517495, URL: arolsen-archives.org (Abgerufen am 08.07.2026)
SWR 2 Stolpersteine, www.swr.de/swrkultur/programm/podcast-swr2-stolpersteine-100~_paged856de41-5_-2c3f88af0d6417b2a941a758bca11e2028d4c682.html (Abgerufen am 25.10.2026)



