Mehr als zwei Jahre nach den Hinrichtungen von Alfred Seitz, Käthe Seitz und deren Vater Philipp Brunnemer durch die NS-Justiz schrieb der Gefängnisgeistliche Vikar Karl Domogalla im Januar 1945 rückblickend seine Erinnerungen an Pfarrer Heinrich Sohm in Rötenbach.
Domogalla musste vorsichtig sein, denn die eigentliche Adressatin Hildegard Janssen, Tochter von Käthe Seitz, war im Schwarzwald auf der Flucht vor der Gestapo. In seinen trostspendenen Ausführungen erwähnte der Gefängnisgeistliche auch, dass er – kurz vor der Hinrichtung am 15. September 1942 in Stuttgart – von Alfred Seitz gebeten worden war, Grüße an die Ordensschwestern im Tuberkulosekrankenhaus-Rohrbach (heutige Thoraxklinik) auszurichten. Alfred Emil Seitz wurde als jüngstes von insgesamt fünf Kindern am 10. Februar 1903 in Mannheim geboren. Seine Eltern waren der Schmied Johann Seitz (1872–1907) und Margaretha, geb. Koch (1871–1941). Da der Vater schon früh verstarb, wuchs Alfred mit seinen älteren Geschwistern Anna Margaretha, Johanna Katharina, Heinrich Philipp und Oskar Friedrich in sehr einfachen Verhältnissen bei der Mutter auf.
Seitz erlernte zunächst den Beruf des Mechanikers bei der Firma BBC in Mannheim. Aufgrund wirtschaftlicher Probleme des Unternehmens konnte er seine Ausbildung nicht abschließen. Nach einem Unfall, bei dem er sich schwer verletzte, überbrückte er die Zeit mit Hilfsjobs.
1929 heiratete Seitz in Mannheim Käthe, geb. Brunnemer. Die beiden hatten sich bei der gemeinsamen Arbeit in der orthopädischen Praxis des jüdischen Arztes Dr. Jordan in Mannheim kennengelernt. Seitz war dort als angelernter Masseur tätig. Von 1931 bis 1932 absolvierte Seitz am Städtischen Klinikum in Mannheim die Ausbildung zum Krankenpfleger. Danach zog das Paar nach Karlsruhe und arbeitete dort an verschiedenen Stellen. Im April 1936 zogen die beiden nach Heidelberg. Seitz hatte eine Stelle als OP-Pfleger im damaligen Tuberkulosekrankenhaus Rohrbach gefunden. Der Arbeitgeber und Eigentümer der Klinik war die damalige Landesversicherungsanstalt Baden.
Das Verhältnis von Seitz zu den Ordensschwestern muss wohl sehr gut gewesen sein, denn schon bald stieg er zum Oberpfleger auf.

Quelle: Archiv Thoraxklinik
In einem späteren Gnadengesuch an den Volksgerichtshof beschreibt dies Anna Hanreich, älteste Schwester von Alfred Seitz, 1942 wie folgt: „Mein Bruder war sein ganzes Leben lang ein ehrlicher, rechtschaffener Mensch, der durch seine übergrossse Nächstenliebe in seinem Beruf als Oberpfleger des Tuberkulosekrankenhauses Heidelberg-Rohrbach mit seinen laufenden Blutspenden so vielen Todgeweihten das Leben wieder gab. An seiner Arbeitsstätte war er tüchtig, fleissig, unermüdlich und sehr beliebt. Er kannte nur seine Arbeit, wollte andern nur helfen. Er war mir immer mein lieber, stets hilfsbereiter Bruder und bitte ich den hohen Gerichtshof flehentlich um sein Leben und um Gnade.“ Das Krankenhaus hatte sich in den 1930er Jahren zu einer hochangesehenen thoraxchirurgischen Klinik für Tuberkulosekranke entwickelt.
In dieser Zeit versuchte man mit operativen Methoden die Tuberkulose zu behandeln, wirksame Medikamente gab es noch nicht. Seitz assistierte am Tuberkulosekrankenhaus den damals deutschlandweit sehr bekannten Thoraxchirurgen Walter Schmidt (1901–1938) und später Ludwig Adelberger (1908–1986).
Schmidt und Seitz waren ungefähr gleich alt und werden sich im beruflichen Alltag gut gekannt haben. Private Kontakte sind eher unwahrscheinlich, denn politisch trennten Welten die beiden. Während Schmidt Mitglied der NSDAP, SS-Oberscharführer einer Sanitätsabteilung und ein überzeugter Befürworter des NS-Regimes war, lehnten Seitz und seine Familie den Nationalsozialismus kategorisch ab. Nach dem frühen Tod von Schmidt – er starb 1938 im Alter von nur 37 Jahren an einer schweren Erkrankung – übernahm Ludwig Adelberger die Leitung der Klinik. Politisch war Adelberger wesentlich gemäßigter als sein Vorgänger.
Die Diktatur des NS-Regimes, die Kriegstreiberei und vor allen Dingen den immer stärker aufkommenden Antisemitismus lehnte Alfred Seitz ab. Er war über die Aktivitäten der Lechleiter-Widerstandsgruppe informiert und indirekt auch beteiligt. Seine Frau Käthe und die im gleichen Haushalt lebende Stieftochter Hildegard übernahmen aktive Rollen bei der Herstellung der regimekritischen Zeitung „Der Vorbote“.
Nach den Verhaftungen der gesamten Widerstandsgruppe im Februar 1942 brachte Alfred Seitz seine persönliche und politische Haltung bei den Vernehmungen durch die Gestapo mutig und selbstbewusst zum Ausdruck: „Ich war auch bis 1933 bei jüdischen Ärzten tätig (mit Unterbrechung) und bei diesen ist mir es gut gegangen. Die Behandlung der Juden habe ich als zu hart empfunden.“
Zudem stand er politisch der SPD nahe. Insgesamt wurde Seitz von den Ermittlungs- und Justizbeamten als eher ruhig und zurückhaltend beschrieben. Die Staatsanwaltschaft beantragte in Vertretung des Oberreichsanwalts beim späteren Prozess für Alfred Seitz „nur“ 15 Jahre Zuchthaus.
Ohne jegliches Mitgefühl reagierte damals der Arbeitgeber auf die Festnahme von Alfred Seitz. In einem Schreiben vom 28. April 1942 gab der damalige Präsident der LVA Baden, Georg Götz, folgende Anweisung: „Da hier nicht bekannt ist, wie das gegen Seitz eingeleitete Verfahren ausgeht, kann auch jetzt noch nicht festgelegt werden, ob fristlose Entlassung des Genannten in Frage kommt. Es dürfte jedoch zweckmäßig sein, jetzt schon nach geeignetem Ersatz für Seitz Umschau zu halten. Prompt wird daraufhin eine Stellenanzeige in der Fachzeitschrift „Der Deutsche Krankenpfleger“ aufgegeben: „Operationspfleger, staatlich geprüft, mit mehrjähriger Erfahrung in Dauerstellung gesucht.“
Obwohl die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof am 14. und 15. Mai 1942 in Mannheim „öffentlich“ stattfand, waren keine Pressevertreter erwünscht und demnach auch nicht anwesend. Im Nachgang wurde kurz über die Organe der NS-Presse in regionalen Tageszeitungen berichtet. Aus mündlichen Erzählungen ist bekannt, dass es zu erheblichen Unruhen bei den letzten Worten der Angeklagten im Gerichtssaal kam. Es ist zudem überliefert, dass Alfred Seitz, nachdem seine Frau zum Tode verurteilt worden war, für sich selbst das gleiche Strafmaß einforderte. Nach den Beratungen durch das Gericht lautete das Urteil auch für ihn „Todesstrafe“.
Später verloren sich die Erinnerungen an Alfred Seitz. In den Jahreschroniken der Ordensschwestern in Bühl (Baden) taucht sein Name nicht auf. Der Brief, den er am Tag vor seiner Hinrichtung an seine Schwester Anna Hanreich geschrieben hatte, ist nicht mehr erhalten. Nachdem Seitz an der heutigen Thoraxklinik über viele Jahrzehnte vergessen war, wurde im Jahr 2018 von der Thoraxstiftung in Heidelberg beschlossen, den Alfred-Seitz-Preis für Beschäftigte in der Pflege auszuloben.
Eine besondere Ehrung wurde ihm in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde zuteil. Sieben Mitglieder der Lechleiter-Widerstandsgruppe sind seit 1951 dort namentlich verewigt: darunter Alfred Seitz, Käthe Seitz und Philipp Brunnemer.
Michael Ehmann
Quellen
BA Berlin
R 3017/33090
Ehmann, Michael. Die Thoraxklinik in der NS-Zeit unter der Leitung von Walter Schmidt und Ludwig Adelberger. In: Norbert Giovannini (Hg.), Ingrid Moraw, Reinhard Riese, Claudia Rink: Stille Helfer – Eine Spurensuche in Heidelberg (1933 – 1945). Heidelberg, 2019.
Ehmann, Michael. Um 5.04 Uhr war das Urteil ohne Zwischenfall vollstreckt. In Heidelberg Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 2024. Heidelberg, 2023.
Oppenheimer, Max. Der Fall Vorbote, Frankfurt, 1969.
Voßke, Heinz. Geschichte der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde, Berlin 1982.





