Leopold Sculier wurde am 28. Dezember 1915 in Gilly in Belgien geboren. Er war verheiratet und Vater von zwei Kindern, die zum Zeitpunkt seines Todes fünf und sechs Jahre alt waren. Seine Familie war wirtschaftlich von seinem Einkommen abhängig. Während seiner Dienstzeit im Nationalsozialistischem Kraftfahrkorps (NSKK) erhielt die Familie regelmäßige Unterstützungszahlungen sowie Wehrgeld.
Sculier besuchte acht Jahre die Volksschule und arbeitete anschließend als Fabrikarbeiter. Vor dem deutschen Westfeldzug leistete er für die Dauer von sieben Monaten Wehrdienst in der belgischen Armee. Nach der deutschen Besetzung Belgiens (1940) arbeitete Sculier für etwa einen Monat als Eisenbahnarbeiter in Kassel. Anschließend beschäftigte man ihn rund siebzehn Monate in einer Pulverfabrik in Goslar. Ob und in welcher Form Zwang ausgeübt wurde, um ihn für Arbeit in Deutschland heranzuziehen, geht aus den eingesehenen Akten nicht hervor.
Im Juli 1942 trat Sculier dem NSKK bei, wo er als Beifahrer eingesetzt wurde. Im Januar 1943 verpflichtete er sich freiwillig für ein weiteres Jahr zum Dienst.
Gerichtlich war Sculier in Belgien – abgesehen von einer Geldstrafe wegen Trunkenheit – nicht in Erscheinung getreten. Innerhalb des NSKK wurde er dreimal disziplinarisch bestraft, jeweils wegen verspäteter Rückkehr aus dem Urlaub oder wegen Überschreiten des Zapfenstreichs. Die Disziplinarstrafen bestanden aus Arrest und zeitweiligen Ausgangsbeschränkungen.
Anfang Juni 1943 verließ Sculier seine Einheit unerlaubt, wissend, dass auf Fahnenflucht die schwersten Strafen standen. Nach eigener Darstellung hatte er zunächst nicht die Absicht, dauerhaft fernzubleiben, er habe sich jedoch aus Angst vor Bestrafung nicht mehr zur Rückkehr entschließen können. Er hielt sich überwiegend in Brüssel auf. Zeitweise trug er weiterhin Uniform, um Kontrollen zu entgehen.
Mitte Juni 1943 beteiligte Sculier sich an mehreren schweren Gewalttaten. Gemeinsam mit Gilbert Druard plante und beging er unter Einsatz von Schusswaffen den gewaltsamen Diebstahl von Lebensmittel- und Petroleumkarten. Die beiden Männer begaben sich nach Lillois zum Haus des Gemeindesekretärs. Unter Vorhalt der Pistolen zwangen sie diesen und dessen Ehefrau zur Herausgabe von etwa 70 Kleiderkarten und rund 40 Petroleumkarten. Bei diesem Überfall trug Sculier seine NSKK – Uniform.
Die Karten wurden anschließend veräußert und der Erlös zwischen ihm und Druard geteilt.
Anfang Juli 1943 beteiligte sich Sculier zudem an einem Straßenraub. Gemeinsam mit dem ebenfalls flüchtigen NSKK- Angehörigen Bury (genauere Daten zu Bury sind nicht bekannt) zwang er einen Kraftfahrer unter Waffengewalt zur Herausgabe seines Fahrzeugs sowie von Bargeld.
Am 8. Juli 1943 wurde Sculier festgenommen. Er wurde Anfang November vom Feldgericht des Kommandierenden Generals und Befehlshabers im Luftgau Belgien/ Nordfrankreich wegen unerlaubter Entfernung von der Truppe, wegen Gewalttaten mit einer Waffe sowie wegen Straßenraubes mittels Autofalle zum Tode verurteilt.
Ein Gnadenersuch wurde von Reichsmarschall Hermann Göring abgelehnt.
Die Vollstreckung der Todesstrafe erfolgte zusammen mit Gilbert Druard, Eugen Schwebinghaus, Andreas Baum und Josef Franz Ziegler am 24. August 1944 im Strafgefängnis Bruchsal.
Der Leichnam wurde dem Anatomischen Institut in Heidelberg übergeben. (LJ#69.1944)
Leopold Sculier wurde von einem militärischen Sondergericht verurteilt, das nicht nach den Maßstäben eines rechtsstaatlichen Verfahrens verhandelte und urteilte. Die Verhängung sowie Vollstreckung der Todesstrafe war Ausdruck eines Strafsystems, das ohne ausreichende Sicherung der Rechte der Angeklagten Leben vernichtete.
Tim Hoepfner
Quelle
GLA
309 Nr. 6079


