„Mein Gewissen ist rein, meine Hände sauber, mein Herz unbefleckt. Mein Glaube war ehrlich, meine Hingabe rückhaltlos. […] Ich werde sterben, als was ich gelebt habe, als Kommunist“ – Diese „letzten freien Worte“ richtete der 20-Jährige René Birr in einem Brief an seine Eltern, kurz nachdem er vom Volksgerichtshof in Strasbourg zum Tode verurteilt worden war.
Birr wurde am 2. November 1922 in Réguisheim, Département Haut-Rhin, im Elsass als Sohn von Eugène Birr, Bergarbeiter im Kalibergbau, und Marie-Anne Hebding geboren. Seine Eltern waren katholischen Glaubens. Der gelernte Eisenbahner blieb ledig und kinderlos. Während Birr noch die Schule besuchte, begann bereits sein politisches Engagement in der Jugendorganisation der kommunistischen Partei, in der er sich unter anderem für die Volksfront einsetzte. Später wurde er der Leiter der Kommunistischen Jugend Réguisheim. Als solcher gelang es ihm nach der Besetzung des Elsass durch die deutsche Wehrmacht, seine „classe“ geschlossen dazu zu bewegen, die Musterung für die deutsche Wehrmacht zu verweigern. Nach der Besetzung durch die Nationalsozialisten wurde sein Vorname am 18. März 1941 zwangsweise zu „Robert“ germanisiert, wobei auf verschiedenen Dokumenten auch „Renatus“ als deutsche Variante seines Vornamens zu lesen ist. Birr schloss sich – konfrontiert mit der deutschen Besatzungsmacht im Elsass – im Sommer 1941 der Résistance-Gruppe um den kommunistischen Eisenbahngewerkschafter Georges Wodli an. Neben ihm gehörten auch Eugène Boeglin, René Kern, Alphonse Kunz, Adolphe Murbach, Édouard Schwartz, Auguste Sontag und Marcel Stoessel der „Groupe Wodli“ an. Insgesamt umfasste die Gruppe über 400 Widerstandskämpfer im Elsass und Lothringen, die mit Flugblättern, Sabotageakten, Fluchthilfe und Waffendepots gegen die nationalsozialistische Besatzung vorgehen wollten. Birr wurde zusätzlich von Wodli gemeinsam mit Schwartz und Murbach mit der Leitung des kommunistischen Widerstands im Département Haut-Rhin beauftragt.
Beginnend im Frühjahr 1942 gelang es der Gestapo, mehr als ein Viertel der Résistance-Mitglieder zu verhaften. Dieses Schicksal traf im Mai 1942 auch Birr, der an seinem Arbeitsplatz in Mannheim festgenommen wurde. Im Anschluss daran war er zunächst in Colmar und anschließend in Strasbourg inhaftiert, bevor er zusammen mit Boeglin und Murbach am 20. Mai 1942 in den „Bunker“ des „Sicherungslagers“ Schirmeck-Vorbruck (Schirmeck La-Broque) verschleppt wurde. Dort erlitten sie wiederholt Folter durch Beamte des Gestapo-Hauptquartierts in Strasbourg.
Am 23. Januar 1943 fand der Prozess gegen René Birr, Eugène Boeglin, Adolphe Murbach und Auguste Sontag vor dem Volksgerichthof in Strasbourg unter dem Präsidenten Dr. Roland Freisler statt. Die vier Angeklagten wurden wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und landesverräterischer Feindbegünstigung“ als erste Mitglieder der „Groupe Wodli“ zum Tode verurteilt. Birr, mit 20 Jahren der jüngste Angeklagte, wurde vorgeworfen Kriegswaffen versteckt und Zünder sowie Sprengstoff aus Kaliminen gelagert zu haben. Er rief vor Gericht dem Richter Freisler entgegen: „Wir haben gegen Euch Barbaren gekämpft. Wir haben Waffen gesammelt gegen Euch, um Euch aus unserer Heimat zu jagen. Ihr werdet alle untergehen, auch wenn ich sterben muss. Unser Volk wird wieder frei werden, unser Beispiel, verbunden mit dem Heldenkampf der Roten Armee, wird Tausende neue Kämpfer erstehen lassen. Unser Land wird frei werden […] Wir werden sterben, und zwar für eine edle Sache, aber in einem Jahr, da werden Sie für Ihre Verbrechen bezahlen.“
Das Urteil hatte ihn nicht überrascht da er „von unseren Todfeinden keine Milde oder Barmherzigkeit“ erwartete, wie er es im eingangs erwähnten Briefes an seine Eltern formulierte. Birr bereute es nicht, für seine Ideale in der Résistance gekämpft zu haben: „Liebe Eltern, ich habe für meine Ideale gelebt. Ich bin bereit, auch für sie zu sterben. Ich glaube, dass es für euch eine größere Ehre ist, dass ich als wahrer Kämpfer sterbe, als dass ich getötet worden wäre an irgendeiner Front in dieser verfluchten Nazi-Uniform“ [feldgraue Uniform der ab Mitte 1942 zur Wehrmacht gezwungenen Elsässer, d. Vf.]. Dennoch bedauerte er es, dass er „den Anbruch der neuen Zeit nicht mehr erleben durfte“.
Im Anschluss an ihre Verurteilung wurden die vier Widerstandskämpfer in das Gefängnis nach Stuttgart gebracht, wo sie auf die Vollstreckung der Todesstrafe warteten. Am 1. Juni 1943 wurde René Birr im Lichthof des Landgerichts Stuttgart mit der Guillotine hingerichtet. Birrs Mutter Marie-Anne verkraftete den Tod ihres Sohnes nicht und verstarb kurz nach seiner Hinrichtung. Ihr Sohn hatte bereits geahnt, welch einschneidendes Ereignis seine Hinrichtung für seine Eltern darstellen würde: „Liebe Eltern ich weiß, dass dies [sein Todesurteil, d. Vf.] für Euch der härteste Schlag Eures Lebens sein wird, seht Ihr doch denjenigen dahinscheiden für den Ihr gelebt und gearbeitet habt“. Ihnen zuliebe hätte er sich einen besseren Ausgang gewünscht, „aber die Dinge sind so, wie sie sind“.
Die Leiche des Widerstandskämpfers wurde noch am Tag seiner Hinrichtung als Leichenjournal-Nummer 35/43 in die Anatomie der Universität Heidelberg eingeliefert. Nach ihrer Einäscherung wurde die Urne in einem Sammelgrab auf dem Heidelberger Bergfriedhof beigesetzt. René Birr wird bis heute gemeinsam mit sechs weiteren Ermordeten der Wodli Gruppe – Eugène Boeglin, René Kern, Alphonse Kunz, Adolphe Murbach, Édouard Schwartz und Auguste Sontag – auf einer Tafel auf dem Bergfriedhof in Heidelberg gedacht.
Angelina Baudach in Zusammenarbeit mit Familie Brändle
Quellen:
BArch
R3017/29283
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