Philipp Brunnemer 

Kurzbiografie

Name, Vorname: Brunnemer, Philipp
Geburtsdatum: 19.4.1867
Geburtsort: Weingarten
Beruf: Schlosser, Raffineriemeister
Einlieferungsdatum: 15.9.1942
Einlieferungsnummer: 62_1942
Todesursache: Hinrichtung
Vorgeworfenes Vergehen: Politisches Delikt

Als der 75jährige Philipp Brunnemer am 15. September 1942 zur Hinrichtung geführt wurde, waren unmittelbar zuvor seine Tochter Käthe und deren Ehemann Alfred enthauptet worden. Philipp Brunnemer wusste das zu diesem Zeitpunkt. Was ihn in diesem Moment zusätzlich belastete, war die Ungewissheit über das weitere Schicksal seiner Enkelin Hildegard, der Tochter von Käthe. Auch sie war in die Fänge der Gestapo geraten und überlebte nur durch Zufall.

Philipp Brunnemer wurde am 19. April 1867 in Weingarten (Rheinland-Pfalz) als uneheliches Kind von Maria Brunnemer (später verheiratete Zahn) geboren. Aufgewachsen war er bei seinen Großeltern in Sandhausen, wo er auch die Schule besuchte. Nach seiner Schulzeit arbeitete Brunnemer als ungelernter Arbeiter bei der „Anilin“ (BASF), bis er von 1887 bis 1890 als Soldat in Metz diente. Nach seiner Dienstzeit erlernte er beim Unternehmen „Verein deutscher Ölfabriken“ das Schlosserhandwerk und stieg bald zum Raffineriemeister auf. 1894 heiratet Brunnemer Marie-Luise, geborene Wüst (1872-1945). Im gleichen Jahr wurde die Tochter Käthe (Katharina Philippine) geboren. 1912 wechselte Brunnemer zu „Van den Bergh“ nach Kleve. Dort stieg er zum Werkmeister auf. 1921 wechselte Brunnemer schließlich wieder nach Mannheim zum Unternehmen Estol, wo er bis zu seinem Ruhestand 1934 als Raffineriemeister arbeitete. Sowohl in Kleve, als auch später in Mannheim baute Brunnemer ein Eigenheim.  Zeitweise waren in den Haushalten Bedienstete beschäftigt.

Philipp Brunnemer in jungen Jahren mit Tochter Käthe und Enkelin Hildegard.
Quelle: Privatbesitz Hildegard Rieseberg (Urenkelin von Philipp Brunnemer)

Trotzdem hatte er nie vergessen, dass er selbst aus einfachen Verhältnissen gekommen war. Brunnemer kannte als Raffinerie- und Werkmeister unter den Arbeitern zahlreiche Kommunisten und Sozialisten, mit denen er sich solidarisch zeigte. Seine Enkelin Hilde schrieb dazu später: „Auch dürfte bei den breiten Arbeitermassen in Mannheim nicht vergessen sein, dass meine Mutter [Käthe] zusammen mit meinem Grossvater […] die Arbeiterbazars bearbeitet und geleitet hat“. 

Aus politischer Sicht kann für Brunnemer davon ausgegangen werden, dass er mit seinen Aktivitäten in der Lechleiter-Widerstandsgruppe einen regionalen Beitrag zur Bildung einer politischen Einheitsfront, also dem solidarischen Zusammenschluss von KPD und SPD gegen das NS-Regime, leisten wollten. Brunnemer war Mitglied der SPD und dem „Reichsbanner“, der größten demokratischen Massenorganisation zur Verteidigung der Demokratie in der Weimarer Republik. 

Brunnemer gehörte, wie seine Tochter Käthe, zum operativen Zirkel der Lechleiter-Widerstandsgruppe. Ihre Aufgabe war es, die Zeitungen zu produzieren. Da er ein eigenes Haus besaß, war die Gefahr, von Nachbarn beobachtet zu werden, gering. Aus diesem Grund befand sich das Abziehgerät zur Herstellung der Zeitungen im Keller von Brunnemers Haus. Der Kontakt zur Widerstandsgruppe kam durch Jakob Faulhaber zustande. Die beiden kannten sich aus der Gärtnerei von Faulhaber, bei der Brunnemer Kunde war. Bei diesen Treffen unterhielt man sich auch über die politischen Entwicklungen. Es war beider Idee, die Vervielfältigung der Zeitschrift „Der Vorbote“ im Keller des Anwesens von Brunnemer vorzunehmen.

Am 25. Februar 1942 kam es nach langer Beobachtung durch die Gestapo zu zahlreichen Verhaftungen. Es folgten Verhöre und Gegenüberstellungen mit anderen Inhaftierten aus der Lechleiter-Gruppe. Zahlreiche weitere Mitglieder der Widerstandsgruppe wurden massiv körperlich misshandelt. Bei Johannes (Hans) Heck, Fritz Grund und Willi Probst führten die körperlichen Missßhandlungen zum Tode. Brunnemer wurde zudem durch Nahrungsentzug gefoltert.  

    

Vorladung von Philipp Brunnemer zum Prozess vor dem Volksgerichtshof in Mannheim. 
Quelle: Privatbesitz Hildegard Rieseberg (Urenkelin von Philipp Brunnemer)

Während des Prozesses vor dem Volksgesrichtshof in Mannheim am 14. und 15. Mai 1942 trat Brunnemer selbstbewusst auf und beschwerte sich über die Haftbedingungen. Das führte freilich zum typischen lautstarken Gebrüll des Vorsitzenden Richters Karl Engert. Das eigene Todesurteil nahm Brunnemer sicherlich mit Haltung an. Wie es ihm bei der Verkündung der Todesurteile gegen seine Tochter Käthe und Schwiegersohn Alfred ging, kann nur gemutmaßt werden. Zudem wusste Brunnemer, dass seine Enkelin ebenfalls verhaftet wurde. Seine zu diesem Zeitpunkt schon kränkliche Frau Luise war nun völlig auf sich alleine gestellt. Die immer resolut auftretende Frau zerbrach bald darauf am Schicksal ihrer Familie und überlebte die NS-Zeit nicht mehr.

Schon bald nach den Urteilsverkündigungen wurden die Verurteilten nach Stuttgart verbracht, wo am 15. September 1942 die Hinrichtungen in den frühen Morgenstunden im Lichthof des Justizgebäudes vollzogen wurden. 

Philipp Brunnemer schrieb am Abend vor seiner Hinrichtung an seine Frau Luise: „Jetzt nach 17 Wochen sind die Würfel gefallen, ich habe die letzten Wochen viel durchmachen müssen, bin so heruntergekommen, daß ich jetzt es eigentlich als eine Erlösung finde, daß die Qual ein Ende hat. Es wäre mein Wunsch, dass ich eingeäschert werde und Du würdest meine Asche dort beisetzen lassen, sodaß wir im Grab noch beisammen sein können.“ Dieser Wunsch sollte nie in Erfüllung gehen. Heute wissen wir, dass seine Asche mit der seiner Tochter und seines Schwiegersohns auf dem Bergfriedhof beigesetzt wurde.Die sterblichen Überreste der Opfer waren den Anatomischen Instituten in Heidelberg und Tübingen zugeführt worden. Obwohl der Leichnam von Philipp Brunnemer am 15. September 1942 nach Heidelberg verbracht wurde, ist sein Name mit vier weiteren Namen aus der Lechleiter-Widerstandsgruppe nicht im Leichenbuch dokumentiert und aus diesen Gründen bis heute auf der Gedenktafel des Heidelberger Bergfriedhofs nicht erwähnt. 

Bild 3
Quelle: Arolsen Archives, DocID: 70517495

Auszug aus einem Schreiben der Anatomie Heidelberg vom 25. August 1950 an den International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen. Die Anatomie Heidelberg meldet darin nachträglich für den 15. September 1942 den Eingang von zehn Leichnamen. Ein Beleg dafür, dass es kein Ausschlussgrund sein muss, wenn ein Eingang im Heidelberger Leichenjournal nicht verzeichnet ist.

Seit 1951 sind die Namen von Philipp Brunnemer, Käthe Seitz und Alfred Seitz mit vier weiteren aus der Lechleiter-Widerstandsgruppe auf Veranlassung von Wilhelm Pieck in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde verewigt. Die Familien Seitz-Brunnemer zahlten für ihren mutigen Widerstand einen hohen Preis. Wie schon erwähnt, überlebte die Enkelin von Brunnemer, Hildegard Janssen (später verheiratete Faster), nur durch Zufall. Sie stand bis zum Ende des NS-Regimes im Visier der Gestapo. Es gelang ihr leider nicht mehr, die schwer erkrankte und hochbetagte Großmutter zu sich in den Schwarzwald zu holen. Marie-Luise Brunnemer verstarb am 18. Januar 1945.  

Quelle: Privatbesitz

Gedenktafel auf dem Heidelberger Bergfriedhof. Auf dieser fehlen die Namen von Philipp Brunnemer, Ludwig Moldrzyk, Rudolf Maus, Max Winterhalter und Johann Kupka

Michael Ehmann

Quellen

Arolsen Archives

List of personal cards Anatomie

DocID 70517495

BArch Berlin

R 3017/33090. Strafprozess gegen Georg Lechleiter u.a.

Rieseberg, Hildegard. Briefe und Fotos, Privatbesitz.

Faster, Hildegard. Ich lebe trotzdem! Schutterwald, 2005.

Voßke, Heinz. Geschichte der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde. Berlin, 1982

Oppenheimer, Max. Der Fall Vorbote. Frankfurt, 1969.

Ehmann, Michael. Um 5.04 Uhr war das Urteil ohne Zwischenfall vollstreckt. In Heidelberg Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 2024. Heidelberg, 2023.

Kurzbiografie

Name, Vorname: Brunnemer, Philipp
Geburtsdatum: 19.4.1867
Geburtsort: Weingarten
Beruf: Schlosser, Raffineriemeister
Einlieferungsdatum: 15.9.1942
Einlieferungsnummer: 62_1942
Todesursache: Hinrichtung
Vorgeworfenes Vergehen: Politisches Delikt

Zur Leichenjournal Transkribierung dieser Biografie:

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