Johann Dehm

Kurzbiografie

Name, Vorname: Dehm, Johann
Geburtsdatum: 16.07.1870
Geburtsort: Jöhlingen
Beruf: Maurer
Einlieferungsdatum: 10.10.1933
Einlieferungsnummer: 57_1933
Todesursache: Illenau

Johann Dehm kam am 16. Juli 1870 in Jöhlingen zur Welt und starb am 8. Oktober 1933 im Alter von 63 Jahren in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau. Seine letzten zehn Lebensmonate verbrachte er dort, nachdem ihn das Städtische Krankenhaus Karlsruhe auf Grundlage des § 4 des Badischen Irrenfürsorgegesetzes in die Anstalt eingewiesen hatte. Die Vollzugsverordnung datiert auf den 12. Dezember 1932, einen Tag später erfolgte seine Aufnahme in der Illenau.

Dehm hatte zuletzt in Karlsruhe gelebt, gehörte der katholischen Konfession an, war verheiratet und hatte keine Kinder. Seine Eltern waren bereits verstorben; zu seinen Geschwistern vermerkt die Patientenakte lediglich, sie seien „angeblich alle +“. In seiner Todesurkunde erscheint als Beruf „Maurer“, während er in der Patientenakte als „Sozialrentner“ bezeichnet wird. Die Unterbringung erfolgte in der Verpflegungsklasse III, der niedrigsten und kostengünstigsten Versorgungskategorie der Anstalt.

Die Krankenakte zeichnet das Bild eines Mannes, dessen Gesundheitszustand über mehrere Jahre hinweg durch schweren Alkoholkonsum und dessen Folgen geprägt war. Demnach habe sich Dehm „solange der Kranke Arbeit hatte, anständig geführt“. Nach dem Ende seiner Erwerbstätigkeit habe er sich jedoch „dem Trunke stark ergeben und dadurch [war die] Ehe stark zerrüttet“. Bereits 1929 meldete seine Ehefrau ihn der Trinkerfürsorge. Außerdem griff die Polizei ihn mindestens einmal wegen Trunkenheit auf. Die Akte beschreibt ihn als „Gewohnheitstrinker“, der „alle Getränke, vorwiegend Bier“, konsumierte und zur Beschaffung von Alkohol sogar Hausrat versetzte.

Die langjährige Alkoholabhängigkeit ging mit erheblichen körperlichen und psychischen Folgeschäden einher. Im Frühjahr 1931 erlitt Dehm einen ersten Schlaganfall, der eine Sprachstörung hinterließ. Nach einer fieberhaften Erkrankung Anfang November desselben Jahres folgte ein weiterer Schlaganfall mit Lähmungserscheinungen. In der Krankengeschichte heißt es dazu: „Außer der Trunksucht und ihren Folgen keine Krankheiten.“ Als Diagnosen verzeichnete man in Illenau später „Psychose bei Krankheit der Zentralorgane“ sowie „chemischen Alkoholismus“. Die neurologischen Schäden zeigten sich unter anderem in einem Folgezustand der rechtsseitigen Lähmung von Arm und Bein sowie einer verwaschenen Sprache, obwohl das Gehen noch möglich war.

Dehm_Gewichtskurve

Neben den körperlichen Beeinträchtigungen dokumentierten die Krankenunterlagen deutliche Veränderungen des Verhaltens. Sie beschreiben eine „geistige Unruhe, Reizbarkeit, Eifersuchtswahn“ sowie eine „Neigung zu Gewalttätigkeiten gegen die Frau (Drohen mit dem Messer)“. Darüber hinaus wird auf „lügnerisches Verhalten“ und „Brutalität“ hingewiesen. Diese Symptome lassen sich als Folgen der fortschreitenden Schädigung des zentralen Nervensystems im Zusammenhang mit dem chronischen Alkoholmissbrauch einordnen.

Bereits wenige Tage nach seiner Einweisung zeigte Dehm den Wunsch, die Anstalt zu verlassen und zu seiner Ehefrau zurückzukehren. Ein Bericht des Pflegers Kraus vom 21. auf den 22. Dezember 1932 hält fest, dass Dehm seine Kleidung verlangte und nach Hause wollte. „Auf das hin wurde Dehm in seinem Zimmer eingeschlossen.“

Während seines zehnmonatigen Aufenthalts verschlechterte sich sein körperlicher Zustand erheblich. Bei der Aufnahme wog der 1,65m große Dehm 124 Pfund (etwa 56 kg), kurz vor seinem Tod nur noch 88 Pfund (etwa 40 kg). Dies entspricht einem Gewichtsverlust von rund 16 kg innerhalb von zehn Monaten; allein zwischen August und September 1933 verlor er 4,5 kg. Medizinisch kann ein solcher ausgeprägter Gewichtsverlust auf eine chronische Unterernährung oder Mangelernährung hindeuten, die sowohl krankheitsbedingt als auch im Zusammenhang mit unzureichender Versorgung auftreten kann. Zusammen mit dem dokumentierten marantischen Zustand und den zahlreichen Geschwüren bildet der Gewichtsverlust einen Hinweis auf eine erhebliche körperliche Verwahrlosung am Lebensende.

Das Sektionsprotokoll beschreibt nämlich eine „männliche Greisen-Leiche, in stark marantischem Zustand und zahlreichen Geschwüren an den Unterextremitäten und Kreuzbein“. Außerdem heißt es: „Aus den Bronchien tritt auf Druck schmutzig eitriger Saft hervor.“ Dieser Befund spricht für eine eitrige Bronchitis beziehungsweise eine fortgeschrittene Infektion der Atemwege. Auffällig ist, dass sich dieser Befund in der Patientenakte nicht wiederfindet. Ob die Atemwegserkrankung zu Lebzeiten unerkannt blieb oder weder behandelt noch dokumentiert wurde, lässt sich anhand der überlieferten Quellen nicht abschließend klären. Gemeinsam mit dem massiven Gewichtsverlust und dem marantischen Allgemeinzustand vermittelt der Sektionsbefund jedoch das Bild eines Patienten, dessen körperliche Verfassung bei seinem Tod äußerst schlecht war.

Als Todesursachen verzeichneten die Unterlagen Arteriosklerose und Myokarditis (Entzündung des Herzmuskels). Zwei Tage nach seinem Tod, am 10. Oktober 1933, gelangte Dehms Leichnam vorobduziert als Leiche Nr. 57 des Jahres 1933 an die Anatomie Heidelberg.

Franziska Mudter

Quellen:

StAF

B 821/2  Nr.  5802 Dehm, Johann, geb. 16.7.1870.

Kurzbiografie

Name, Vorname: Dehm, Johann
Geburtsdatum: 16.07.1870
Geburtsort: Jöhlingen
Beruf: Maurer
Einlieferungsdatum: 10.10.1933
Einlieferungsnummer: 57_1933
Todesursache: Illenau

Zur Leichenjournal Transkribierung dieser Biografie:

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