Franz Stülb kam am 18. August 1938 per dringender ärztlicher Anordnung mit einem Sanitätsauto in die Heil- und Pflegeanstalt Illenau, wo er sein letztes halbes Jahr verbrachte. Die beiden Sanitäter, die ihn dorthin brachten, konnten keine Auskunft über seine Vorgeschichte geben. Deshalb basieren alle Angaben auf den Akten des Illenauer Personals. Diese resultieren aus direkten Gesprächen mit dem Patienten, die unter Hinzuziehen verschiedener Krankenblätter erstellt wurden, ohne jedoch als Quelle in der Akte vorzuliegen.
Zu seinem Leben wurden folgende Aussagen Stülbs festgehalten: Geboren am 5. April 1888 in Hameln, besuchte er die Volks- und Realschule und machte nach deren Abschluss eine einjährige Ausbildung in Duisburg. Auf den Besuch einer Maschinenbauschule in Köln folgte die Tätigkeit bei verschiedenen Firmen als Maschinenschlosser. Zuletzt soll er im „Gemeinschaftslager“ in Scherzheim gewohnt haben, für das er sich „für ¼ Jahr […] verpflichtet“ hätte. Stülbs Angaben, er habe „erst mit der Schaufel, dann im Magazin“ gearbeitet, legen nahe, dass es sich um ein Arbeitslager des Reichsarbeitsdienstes handelte. Wie oder warum er dorthin kam, ist nicht geklärt, als seinen Wohnsitz nannte Stülb Mannheim.
Als Angehörige wurden einzig seine zum Zeitpunkt bereits verstorbenen Eltern angeführt, seinen Vater bezeichnete man als „Trinker“. Stülbs Familienstand wurde als ledig vermerkt.
Stülb hatte im Ersten Weltkrieg Kriegsdienst geleistet. Die Einzelheiten sind unklar: Er selbst berichtete über zahlreiche Verwundungen und Verschüttungen, das Personal in der Illenau dagegen vermerkte, weder das eine noch das andere in den ihnen vorliegenden Unterlagen gefunden zu haben.
Nach den in der Illenauer Akte erwähnten Krankenblättern hatte sich Stülb 1918 im Militärhospital in Gent befunden, wo am 8. Mai 1918 verzeichnet wurde: „Seit rund 8 Tagen hat der Patient in der Nacht Anfälle, die sich dadurch äußern, dass er seinen Kameraden gegenüber aggressiv wird“. Er sei dabei auf einen anderen Patienten mit einer Eisenstange losgegangen. Außerdem soll er bereits in der Vergangenheit seine Frau mit dem Messer bedroht haben und beim Gedanken an seine unglückliche Ehe „mitunter so erregt“ gewesen sein, dass er „sinnlose Handlungen“ (etwa auf einen Zug springen) begehe.
Daraufhin wurde Stülb in die „Abteilung für Geisteskranke“ eines Kriegslazaretts gebracht, wo ihm die Diagnose „Hystero-Neurasthenie“ (Nervenschwäche mit erhöhter Reizbarkeit) gestellt wurde. Zusätzlich erwähnt die Akte eine Diagnose von „Psychopathie“ aus dem Reservelazarett Schleswig. 1918 gab es ein Verfahren wegen „Fahnenflucht“ gegen ihn, das aber im Zuge der Novemberrevolution vom Soldatenrat in Schleswig fallengelassen wurde.
Mehr ist über sein Leben nicht bekannt. Bei seiner Aufnahme in die Illenau aufgrund seiner seit 20 Jahren auftretenden „Nervenanfälle“ wurde sein „Ernährungs- u. Kräftezustand“ als „mässig“ beschrieben: Stülb wog bei 1,60m Körpergröße nur 50kg. Es wurde festgehalten, dass er kaum Zähne und einen schleifenden Gang habe und seine Pupillen nicht auf Licht reagierten. Hervorgehoben wurden „Sterilisationsnarben“ und die Tatsache, dass Stülb eine Sterilisation „nicht zugab“: Mutmaßlich war er zwangssterilisiert worden.
Über den Aufenthalt in der Illenau gibt die Akte insgesamt nur wenig preis. Stülb wurde in der Verpflegungsklasse III, der niedrigsten und kostengünstigsten Versorgungskategorie der Anstalt, untergebracht. Er wird in der Akte als sehr schwerfällig beschrieben, es „quäl[e] ihn sichtlich, nachdenken zu müssen“. Die in der Akte eingetragene Krankheit lautete „Progressive Paralyse“; diese ist üblicherweise ein Zeichen für eine weit fortgeschrittene, unbehandelte Syphilis (Neurolues genannt). Aus den in der Akte erwähnten Krankenblättern geht hervor, dass die Lazarettärzte Stülb bereits 1908 wegen Syphilis behandelt hatten, 1917 erhielt er eine erneute Diagnose im fortgeschrittenen Stadium.
Noch am 15. Dezember 1938 wurde vermerkt: „Hilft bei Hausarbeiten und in der Korbflechterei. Hält sich körperlich. Psychisch lebt er recht stumpf dahin“, doch bereits am 23. Dezember verzeichnet die Akte: „Heute verändert.“ Stülb sei verwirrt, finde sich nicht mehr auf der Station zurecht und habe einen „insultartigen Schwindel“ (anfallartig) erlitten. Am 24. Dezember klagte er laut Akte über Beschwerden in der Herzgegend, die Ärzte vermuteten eine beginnende Lungenentzündung (Pneumonie). Den Januar über behandelt man Stülb mit Chinin. Am 2. Februar erlitt er wohl einen Schlaganfall, dort als „paralytischer, apoplektischer Anfall“ bezeichnet.
Franz Stülb starb am 21. Februar mit 50 Jahren in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau und wurde am 22. Februar mit der Leicheneingangsnummer 11 des Jahres 1939 an die Anatomie Heidelberg überführt.
Sjana Reisinger
Quellen:
StAF
B821/2 Nr. 12389 Stülb, Franz, geb. 1888


